Hausfirste – von A bis Z ein Traumprojekt für die Macher

So ein Windrad hat es in sich. Wenn Florian Gläser, 34, Sales Manager bei der ENERCON GmbH und studierter Geograf, den Querschnitt der (ja, wirklich: von Stararchitekt Sir Norman Foster designten) Gondel auf seinem Laptop zeigt, wird auf einen Blick klar, wie viel ausgefeilte, hochsensible Technik in einem solchen Giganten steckt. Bis hin zum Miniaufzug im Stahlbetonturm, damit kein Techniker die 596 Sprossen der 150 Meter langen Leiter zur Gondel erklimmen muss, sondern bequem in die windreiche Höhe getragen wird. „Bequem“ ist dabei allerdings relativ: 1,20 Meter breit und 80 Zentimeter tief ist der Aufzug – ein umgebauter Schaltschrank an Drahtseilen. Nichts für Menschen mit Klaustrophobie oder Höhenangst, was Florian Gläser keineswegs ist: Der gebürtige Westerwälder, heute in Mainz zu Hause, ist begeisterter Bergwanderer, hat sämtliche Kletterscheine und macht regelmäßig Abseilübungen.

Im Kaufunger Wald, dem großen Mittelgebirge im äußersten Norden des osthessischen Berglandes, oberhalb von Großalmerode, ist in knapp einem Jahr Bauzeit auf einer Fläche von fünf Hektar, was etwa sieben Fußballfeldern entspricht, ENTEGAs Windpark Hausfirste entstanden. Zehn jeweils 206,5 Meter hohe (Nabenhöhe 149 Meter) Windräder Typ ENERCON E -115, die über eine Gesamtleistung von 30 Megawatt verfügen und Energie für 33.000 Haushalte produzieren. Bereits im September 2016 drehten sich im Kaufunger Wald die ersten der im Durchmesser 115 Meter breiten Rotoren gemächlich mit 13 Umdrehungen pro Minute, im Dezember gingen die letzten ans Netz.

„Mit dieser Drehzahl fügen sich die Windkraftanlagen harmonisch in das Landschaftsbild ein“, sagt Projektleiter Peter Gevers. Und wie laut ist es neben so einem Windrad, das die meisten von uns gemeinhin nur aus der Ferne oder von der Autobahn aus kennen? Da antworten Peter Gevers und sein Kollege Florian Gläser mit geballter Kompetenz: „Man muss die Geräusche einer Windkraftanlage auf zwei Schallquellen eingrenzen. Da ist zum einen der Generator in der Gondel als maschineninduzierter Schall - hier sorgen wir für besonders laufruhige Generatoren, die kaum Vibrationen auf die nachgelagerten Anlagenkomponenten übertragen. Man könnte ein volles Wasserglas auf den Generator stellen – es würde nichts verschüttet. Zum anderen sind da die aerodynamischen Geräusche der Rotorblätter – das Durchgangsgeräusch, wenn das Rotorblatt mit Spitzengeschwindigkeit am Turm vorbeirauscht. Hier haben wir aerodynamisch optimierte Rotorblätter mit ‚Trailing Edge Serrations‘ entwickelt, die nach dem Vorbild der Flügel lautlos gleitender Raubvögel gebaut sind.“ Können also Anwohner in ein paar Kilometern Entfernung den Windpark hören? „Nein – bei den Entfernungen hier zur nächsten Bebauung hören sie im Garten nicht einmal ein leichtes Rauschen.“

100 Windräder ans
Netz gebracht

Ein „Überzeugungstäter“ in Sachen Windenergie ist der 34-jährige Florian Gläser. Etwa 100 Windräder hat der Sales-Manager bei ENERCON in den vergangenen vier Jahren erfolgreich ans Netz gebracht und kann sich, nach wie vor, keinen schöneren Beruf vorstellen.

„Hausfirste war ein Highlight – komplex in der Aufgabenstellung, reibungslos in der Zusammenarbeit.“

Peter Gevers

Peter Gevers, Projektleiter ENTEGA AG

Seitdem haben die beiden Windkraft-Spezialisten eng und gut zusammengearbeitet – das hört man nicht nur in ihren Antworten, man bemerkt es auch am Umgang miteinander: Peter Gevers und Florian Gläser wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können und gemeinsame Lösungen finden. Was beim Bau eines Windparks ja durchaus nötig ist. Insbesondere dann, wenn es sich – wie bei Hausfirste – um ein Projekt in naturschutzfachlich und topographisch höchst anspruchsvollem Gelände handelt, das durch einen europäischen Schutzgebietsstatus geschützt ist. Ein sogenanntes FFH-Gebiet, das den Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien unterliegt, also dem Schutz von Pflanzen, Tieren und Lebensraumtypen.

15 Gutachten und 168 Aktenordner

Dem Bau des Windparks auf einer der sogenannten Vorrangfläche „für die Windenergienutzung“, für den die ENTEGA im Mai 2013 im Vergabeverfahren die Zusage des Hessen-Forstes erhielt, waren lange Genehmigungsverfahren vorangegangen. Ein sogenanntes großes, förmliches Verfahren, das rund ein Jahr und schließlich 168 Aktenordner in Anspruch nahm. Zur Papierersparnis, versichert Gevers, werde zukünftig noch mehr auf DVD gebrannt. Zunächst wurden die notwendigen Gutachten zum Natur-, Arten-, Boden-, Wasser-, Tier- und Immissionsschutz, Denkmal- und Brandschutz, Landschaftsbild, Forstrecht, Abfallrecht, Eis- und Schattenwurf und zur Luftverkehrs- und Standsicherheit in Auftrag gegeben. Daneben galt es, zur Bestimmung und Auswahl der passenden Technik mit dem 120 Meter hohen Windmast ein Jahr lang präzise die Windhöffigkeit zu messen, den Netzanschluss zu beantragen und – vor allem – die Bürger und Anwohner für dieses Projekt zu gewinnen.

Sie am Verfahren zu beteiligen, ist ENTEGA wichtig und selbstverständlich. Aber es ist nicht immer eine leichte Aufgabe, weiß Gevers: „Da gibt es bei den Anhörungen berechtigte Sorgen und Fragen, die wir natürlich sehr ernst nehmen und nach bestem Wissen und Gewissen in enger Abstimmung mit den zuständigen Behörden beantworten beziehungsweise umplanen und lösen. Aber da gibt es auch rein emotionale Einlassungen, gegen die man nur schwer argumentieren kann.

Von der Planung bis zur Umsetzung wurde von ENTEGA intensiv daran ge­arbeitet, die Eingriffe im Kaufunger Wald auf ein Minimum zu reduzieren. Es wurden Kranstellflächen berechnet und die Logistik zentimetergenau geplant, damit etwa die fünf Großkräne mit ihren 180-Meter-Auslegern und später die jeweils 25 Tonnen schweren Rotorblätter der Windräder durch die behutsam angelegten Waldwege passten – es galt, so wenig Wald wie möglich für den Windpark zu roden.

Kosten jetzt
konkurrenzfähig

Florian Gläser ist überzeugt: „Deutschland ist regenerativ zu versorgen, wir sind sehr weit in der Technologie und die Kosten sind jetzt konkurrenzfähig.“.

„Wir haben die Eingriffe in den Kaufunger Wald beim Bau von Hausfirste auf ein absolutes Minimum reduzieren können.“

Peter Gevers

Nach dem erfolgreichen Genehmigungsverfahren gab es dann mit Baustart im Oktober 2015 eine Vielzahl an Auflagen zu beachten: Angefangen bei einer bestimmten Schottermasse aus Grauwacke, die für den Wegebau einzusetzen war, um den pH-Wert des Bodens nicht zu verändern, über Baufenster, in denen aufgrund eines brütenden Kolkraben in manchen Bereichen keine Arbeiten durchgeführt werden durften. Herausfordernd dann auch die Anlieferung der sogenannten Großkomponenten, deren Transport von der Polizei zu begleiten war, die gelegentlich keine Kapazitäten dafür hatte. Oder kurzfristig errichtete Autobahnbaustellen erwiesen sich als zu schmal für die Transporter. „Das war eine sehr spannende Zeit“, erzählt Florian Gläser mit leuchtenden Augen.

Packendes Projekt

Als Michael Mahr zum ersten Mal in einem Meeting von dem geplanten Windpark hörte, war sofort sein Interesse geweckt. „Ein Projekt dieser Größenordnung und in rund 600 Metern Höhe – das fand ich sofort faszinierend“, beschreibt Mahr heute seinen ersten Eindruck. Dass er einige Jahre später als Selbstständiger einmal die Baubetreuung des Projekts übernehmen würde, hatte er damals natürlich noch nicht ahnen können. Mittlerweile ist der Windpark Hausfirste am Netz und für Michael Mahr damit einer von insgesamt rund 50 Windparks, an deren Errichtung er in den vergangenen sieben Jahren beteiligt war. Der Maurermeister, Oberpolier und technische Betriebswirt, mit 35 Jahren Berufserfahrung, übernimmt mit seinem Unternehmen SiteServ heute die Baubetreuung und Projektsteuerung solcher Vorhaben. Bei der Errichtung eines Windparks wie Hausfirste arbeitet er eng mit Herstellern, Behörden und dem Bauherrn zusammen. „In der Hochphase eines solchen Vorhabens sind bis zu 80 Leute auf der Baustelle“, sagt Mahr, „da ist immer ungeheuer viel abzustimmen und zu entscheiden. Das hat hier aber wirklich hervorragend funktioniert – gerade in der Zusammenarbeit mit ENTEGA.“ Vor allem die naturschutzrechtlichen Auflagen seien heute enorm hoch, zum Beispiel zum Trinkwasserschutz. „Wir arbeiten in sensiblen Naturräumen, da ist es verständlich, dass die Auflagen so streng sind“, sagt Mahr. Außerdem müssten alle Eingriffe in die Natur vollständig kompensiert werden, etwa durch Aufforstungsmaßnahmen. „Aber das ist in Ordnung. Schließlich bauen wir Energieanlagen, die umweltfreundlichen Strom erzeugen – da wollen wir die Natur natürlich auch schon beim Bau der Anlagen schonen.“

Gläsers Berufswunsch als Kind: Naturschützer

Schon als Kind wollte Gläser Naturschützer werden. „Zu Schulzeiten haben wir einen Ausflug in einen großen Braunkohletagebau gemacht und mir wurde klar, dass eine optimale Energieversorgung anders aussehen müsste. Zur gleichen Zeit habe ich aktiv gesegelt und war von der Kraft des Windes fasziniert. Tatsächlich wusste ich schon sehr früh, dass ich einmal im Bereich Naturschutz und regenerative Energien arbeiten möchte, und ich bin überzeugt: Deutschland ist regenerativ zu versorgen, wir sind inzwischen sehr weit in der Technologie und die Kosten sind jetzt konkurrenzfähig.“

Gläser ist ein Überzeugungstäter, aber „nicht missionarisch“, betont er. „Natürlich hat man im Freundes- und Bekanntenkreis immer mal wieder Diskussionen über erneuerbare Energien. Dann sage ich natürlich, was ich denke, was ich für machbar und wünschenswert halte, wohin wir meines Erachtens kommen müssen, und das europaweit.

„Den Windpark Hausfirste ans Netz zu bringen, war ein absolutes Highlight“, schwärmt Peter Gevers. Der Bau des Windparks in dieser Größenordnung war sehr komplex und herausfordernd. „Aber wir haben es gut und auch pünktlich, sogar drei Monate vor dem anvisierten Zeitpunkt geschafft. Darüber hinaus ist es ein Park, der gute Erträge bringt und jährlich circa 76.000 Tonnen CO2 einspart, das lässt das Herz eines Fans der erneuerbaren Energien natürlich höher schlagen.“ Das A und O der Planung und Durchführung sei gewesen, resümiert er, die Behörden von Anfang an mit einzubinden und jeden Schritt frühzeitig mit der ökologischen Baubegleitung abzustimmen. „Jeder Fachbereich hat einen profunden Fokus. Dies alles im Blick zu haben, hilft ungemein bei der umweltbewussten, professionellen, termingerechten Umsetzung.“

Zuhören zählt

Kann gut zuhören: Peter Gevers (35 Jahre), ENTEGA-Projektleiter, hat viel Erfahrung im Bau von Windkraftanlagen und weiß, wie man die Menschen vor Ort am besten überzeugt. Er hält regelmäßig Vorträge und informiert über die Vorteile der Windenergie, er hört den Anwohnern zu und nimmt eventuelle Bedenken sehr ernst. „Was wir in ihrem Sinne verbessern können, verbessern wir natürlich.“ Und er weiß: Kommunikation ist alles. Bezieht man die Bürger und Behörden von Anfang an in die Planungen ein, läuft fürs Windrad im wahrsten Sinne des Wortes alles rund.





Windpark Hausfirste

Pro Tag wurden rund 100 Tonnen Stahl verbaut.

Als Windexperte war Gevers ganz in seinem Element

Dazu gehörte am Ende natürlich auch der Rückbau der Baustelle und die Rekultivierung der Fläche, mit der nach dem frostigen Winter im März 2017 begonnen wurde. Nun können Wanderer und Spaziergänger im Kaufunger Wald wieder „ungehindert spazieren gehen“, wie Projektleiter Gevers lächelnd sagt, „auch ganz nah an die Windräder heran.“ Und das wirft nur noch eine Frage auf: Wer hat sich die zartgrüne Bemalung einfallen lassen, die den Sockel mancher Windräder auf Feldern längs der Autobahnen ziert? „ENERCON“, nennt Florian Gläser lachend sein Unternehmen. „Wir haben auch einmal probiert, Windräder in Meeresnähe blaugrau zu streichen – in der ostfriesischen Himmelsfarbe. Das geht aber längst nicht überall. Farbige Windräder können je nach Umgebung und Wetterlage sehr seltsam aussehen; Grau hat sich tatsächlich am besten bewährt.“ Und Grau ist – das sei nur nebenbei bemerkt – auch für die Vögel am besten, die ein Windrad auf diese Weise gut erkennen und in schönem Bogen umfliegen können. Aber in der sensiblen Technik der Gondel eines jeden Windrads ist ohnehin eine Abschaltvorrichtung für sie integriert – abgestimmt auf Fledermaus-Flugzeiten und auf Milane, die nach dem Mähen eines Feldes auf Mäuse lauern. Ja, so ein Windrad hat es wirklich in sich.

Sauber gespart

 

10 Windräder Typ ENERCON E 115, liefern nach kürzester Bauzeit im Kaufunger Wald nun rund 99.000 Megawattstunden Strom pro Jahr und sparen so jährlich über 76.000 Tonnen CO2 ein.

„Das Ziel ist nah: 0,70 TWh Ökostrom produziert ENTEGA bereits. 1,0 TWh soll es werden.“

Markus Horn,
Bereichsleiter Erzeugung

Alles aus einer Hand – mit Sternchen

Unser Ziel ist es, die Menge an Ökostrom zu produzieren, die unsere privaten Ökostromkunden brauchen: mindestens eine Terrawattstunde. Im perfekten Mix aus Windenergie – vor allem onshore, aber auch offshore – und Photovoltaik. Dabei wollen wir mit unserer guten Erfahrung und unserer geballten Kompetenz die Projekte zunehmend selbst entwickeln und betreiben – am besten kleinere, gut überschaubare Anlagen. Schon jetzt haben wir wieder fünf, sechs Windparkideen und -pläne in unseren Köpfen – und das ist erst der Anfang der Zukunft.

Darüber hinaus: Sektorkopplung – das Zusammenwachsen der bisher getrennten Welten von Strom und Wärme – steht bei uns ganz oben auf der Liste. Hier gibt es viele kluge Projektideen, die ENTEGA-Erzeugung und ENTEGA-Vertrieb gemeinsam anpacken werden. Dazu innovative Wärmekonzepte, die unser Vertrieb und unsere Erzeugung ebenfalls Hand in Hand weiter ausbauen werden: Unsere dezentrale Lösung der Wärmeversorgung, die sogenannten Quartierskonzepte, die mehrere Mietobjekte mit einer Wärmelösung inklusive Eigenstromnutzung kompakt versorgen.

Markus Horn, Bereichsleiter Erzeugung

Das Strategieziel

Onshore-Windparks bleiben ENTEGAs Strategieziel Nummer eins für die Zukunft. Der weitere Ausbau sei, so Markus Horn, in Deutschland durchaus und umweltschonend machbar.


„In der Hochphase waren wir bis zu 80 Leute auf der Baustelle.“

Michael Mahr,
SiteServ

Refokussierung

Die ENTEGA konzentriert sich beim Ausbau der erneuerbaren Energien jetzt auf ihren Heimatmarkt. Im Zuge dessen hat sich das Unternehmen von seinen französischen Windparks getrennt. ENTEGA wird in Zukunft weiterhin gemeinsam mit Partnern und Investoren Projekte selbst entwickeln, vom Pachtvertrag bis zum Management und Betrieb und damit die Wertschöpfungskette im Unternehmen weiter ausbauen. So kann das aufgebaute Know-how der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter optimal für das Zukunftsgeschäft genutzt werden.