BODEN
Spitzen schneiden, Auswüchse begrenzen. Für die Forstwirtschaft ist Nachhaltigkeit seit Jahrhunderten die bestimmende Haltung. Sie weiß: Bäume können und sollen nicht in den Himmel wachsen – weil das den Boden zerstören würde und deshalb auch der Anfang wäre vom Ende des Baumes. Niemand lebt für sich allein. Auch Menschen sind auf andere Menschen angewiesen. Ihre Ressourcen müssen sie sich teilen. Auswüchse des einen sind dabei der Mangel des anderen. Nachhaltige Strategien begrenzen diese Effekte. Auch für ENTEGA geht es deshalb nicht um bedingungslose Optimierung der Rendite, sondern um nachhaltiges Wachstum, dessen Früchte den Anteilseignern zugute kommen, sprich: den Bürgerinnen und Bürgern der Region.
GEWALTIG
NACHHALTIG
Ein Austausch mit ENTEGA-Finanzvorstand
Albrecht Förster über die Entwicklung des
Nachhaltigkeitsgedankens im Bereich Energie
und in der globalen Finanzindustrie.

Herr Förster, wie halten Sie es mit der Umwelt?

A. F. Das ist eine Frage, die für mich ganz einfach zu beantworten ist: Als Vorstandsmitglied eines nachhaltig orientierten Unternehmens wie ENTEGA steht bei mir der Nachhaltigkeitsgedanke ganz weit vorn. Bei dieser Frage stehen berufliche und persönliche Überzeugung im Einklang, auch das gibt mir täglich Ansporn.

Was können Sie in Ihrer Funktion als Finanzvorstand aktiv dazu beitragen?

A. F. Zuallererst einmal, indem ich darauf achte und dafür sorge, dass ENTEGA finanziell auf soliden Füßen steht. Wir haben in den letzten Jahren die Kosten gut in den Griff bekommen, unsere Kennzahlen verbessert und sind die Refinanzierung erfolgreich angegangen. Damit ist die finanzielle Basis geschaffen, um neue Projekte und Innovationen anzugehen. Gleichzeitig haben wir dabei nicht nur die finanziellen Ziele, sondern noch stärker als bisher auch die Umwelt- und Klimaziele im Blick.

Welche finanziellen Spielräume hat das Unternehmen denn derzeit in dieser Hinsicht?

A. F. Wir haben sehr auskömmliche finanzielle Mittel bzw. Linien eingesammelt, sodass wir kraftvoll an der Weiterentwicklung der ENTEGA arbeiten können, sei es im Ausbau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten, sei es in der Ertüchtigung und Weiterentwicklung unserer Netze für die Energiewende oder beim Glasfaserausbau oder sei es generell auf dem Feld der Digitalisierung.

Nun engagiert sich ENTEGA ja schon qua Geschäftsmodell für den Klimaschutz durch erneuerbare Energien. Aber wie sieht es im Rest der Wirtschaft, insbesondere in der Finanzwelt aus? Kann man da eine ökologische Haltung überhaupt aufrechterhalten?

A. F. Das kann man und das geschieht auch immer öfter. Viele Unternehmen achten darauf, wo sie Gelder investieren, wie oder von wem sie sich Kapital zur Verfügung stellen lassen. Auch in der Finanzwelt hat sich in den letzten Jahren eine Haltung etabliert, die den nachhaltigen Umgang mit natürlichen und sozialen Ressourcen mehr und mehr beachtet.

Gab es bei ENTEGA bereits Überlegungen, gezielt für nachhaltige Themen Kapital einzusammeln?

A. F. Diese Überlegungen gab es und die gibt es immer wieder. Wir haben ganz konkret im Jahr 2019 erneut in unserer Region finanzielle Mittel eingeworben, welche in den Ausbau unserer Wind-Onshore-Kapazitäten fließen werden. Das ist ein Schritt, den wir gerne immer wieder tun und für den wir von der Kundenseite viel positive Resonanz bekommen.

Lassen Sie uns noch einmal auf die übergeordnete Ebene blicken: Aktienmarkt und Nachhaltigkeit – ist das kein Widerspruch?

A. F. Der Umweltgedanke hat sich in den letzten 20 Jahren in der Finanzwelt durchaus etabliert. Viele verschiedene Studien zeigen, dass es kein Widerspruch sein muss, wenn man nachhaltig orientiert investiert und gleichzeitig eine angemessene Rendite auf seine Investments erzielen möchte. Im Gegenteil, Unternehmen, die sich beispielsweise an den sogenannten ESG-Zielen orientieren, wirtschaften im Allgemeinen besser als andere und deren Aktienkurse entwickeln sich daher stabiler nach oben; auch das haben verschiedene Studien bereits gezeigt.

Was sind diese ESG-Ziele?

A. F. ESG steht für die englischen Begriffe Environment, Social und Governance, und ein Fonds, der am Aktienmarkt nach ESG-Kriterien investiert, prüft infrage kommende Unternehmen vorab, welche Haltung und Ziele sie in diesen drei Bereichen – Umwelt, Soziales und Unternehmensführung – haben und wie sie, gemessen an diesen Kriterien, agieren. Erst wenn dem Unternehmen ein gutes ESG-Zeugnis ausgestellt werden kann, kauft der ESG-Anlagefonds dessen Aktien. Der Fonds selektiert also seine Investments anhand von ESG-Kriterien.

Ein Fonds soll seinen Anlegern doch in erster Linie eine möglichst hohe Rendite einbringen?

A. F. Das tut er meist auch, denn dahinter steckt der Gedanke, dass Firmen, die sozialverträglich und schonend mit den natürlichen Ressourcen und ihren Mitarbeitenden umgehen, eine geringere Fluktuation in der Belegschaft haben, langfristig weniger Kosten tragen müssen und daher auch wirtschaftlich erfolgreicher sind als andere. Das wirkt sich wiederum positiv auf den Aktienkurs des betreffenden Unternehmens aus und damit auf den Fonds, der Aktien dieses Unternehmens gekauft hat. Auf diese Weise wird das Kapital über den Finanzmarkt in Firmen geleitet, die auf die Umwelt und Soziales achten. Das ist übrigens auch ein erklärtes Ziel der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (UN).

,,Unternehmen wie ENTEGA, für die Umweltschutz und achtsames soziales Miteinander Teil des Geschäftsmodells sind, werden in diesen Zeiten auch in einem kapitalistischen System für ihren Einsatz eher belohnt als bestraft.“

Sie meinen die von der UN definierten Nachhaltigkeitsziele?

A. F. Ja, die Vereinten Nationen haben unter dem Akronym SDG (Sustainable Development Goals) Ziele für eine nachhaltige Entwicklung definiert. Diese 17 globalen Ziele, die sehr häufig als farbige Kacheln dargestellt werden, und ihre 169 Unterziele sollen dafür sorgen, bis 2030 eine nachhaltig funktionierende Welt zu gestalten und reichen beispielsweise von „Keine Armut“ über „Handeln für den Klimaschutz“ bis „Günstige und saubere Energie“ oder „Betriebliche Förderung der Geschlechtergleichheit“ und vieles mehr.

Das klingt teuer, wenn wir diese Ziele alle erreichen wollen ...

A. F. Zur Erreichung dieser Ziele sind nach Angaben der UN jährliche Investitionen von rund USD 5 bis 7 Billionen bis 2030 erforderlich, und diese Mittel sollen nach dem Willen der UN in erster Linie aus dem privaten Sektor kommen.

,,Wir engagieren uns in vielen Bereichen sozial, unter anderem mit der ENTEGA Stiftung, und setzen als Arbeitgeber alles daran, die Mitarbeitenden fit zu machen für die Anforderungen in einer sich immer rasanter digitalisierenden Arbeitsumgebung.“

Was heißt das konkret?

A. F. Private Anleger ebenso wie Banken und Fondsgesellschaften, Pensionskassen, Lebensversicherer oder global agierende Konzerne verfügen über eine sehr große Menge an Kapital. Dies wird zu einem großen Teil auch am Finanzmarkt investiert. Wenn sich nun immer mehr dieser Investoren bei der Frage, in welches Unternehmen sie investieren sollen, an den SDG orientieren und nur noch Aktien von Unternehmen kaufen, die einen positiven Beitrag zur Erreichung eben dieser Nachhaltigkeitsziele leisten, wird das Kapital quasi automatisch in die Firmen und Branchen fließen, die einen positiven und spürbaren Beitrag zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele leisten. Schließlich haben die Vereinten Nationen nicht nur die Ziele definiert, sondern auch insgesamt 232 konkrete Indikatoren, mit denen die einzelnen Staaten ihre eigene nachhaltige Entwicklung im Sinne der SDGs messen können.

Worin besteht der Unterschied zu den ESG Kriterien?

A. F. Die Nachhaltigkeitsziele der UN gehen weiter als die üblichen ESG-Kriterien, sie sind anhand festgelegter Kriterien messbar und sie sind universell. Sie machen die Nachhaltigkeitsleistung von einzelnen Staaten, aber auch von Unternehmen und Produkten greifbar und nachvollziehbar und stellen sie in erkennbarer Form plakativ dar. Ich bin überzeugt, dass uns die 17 farbigen Kacheln der SDG künftig an vielen Orten begegnen werden – auf Aktienfonds ebenso wie auf Autos oder Kleidung.

Auch auf Strom? Wie fällt die ESGBeurteilung von ENTEGA aus?

A. F. Wir sind ein Vorreiter in Sachen erneuerbare Energien und Ökostrom. Wir engagieren uns in vielen Bereichen sozial, unter anderem mit der ENTEGA Stiftung, und setzen als Arbeitgeber alles daran, die Mitarbeitenden fit zu machen für die Anforderungen in einer sich immer rasanter digitalisierenden Arbeitsumgebung. Hinzu kommt, dass wir unsere Hausaufgaben auf dem Weg hin zu einer <2 Grad-Gesellschaft nicht nur kennen, sondern auch schon daran arbeiten. Ich bin daher fest davon überzeugt: Wäre ENTEGA an der Börse notiert, dann wären wir auch in einem ESG-orientierten Fonds gelistet. Übrigens: ENTEGA nimmt bereits seit 2016 am Climate-Change-Rating des CDP teil und stellt damit jedes Jahr erneut unter Beweis, dass wir solche Ratings nicht scheuen müssen.

Akteure im Bereich des Kohle- oder Atomstroms haben es da wohl deutlich schwerer?

A. F. Viele Investoren haben schon seit Jahren, lange vor der Definition von ESG-Kriterien, Aktien bestimmter Unternehmen ausgeschlossen. Das sind in der Regel solche, die in Branchen tätig sind, die der Umwelt und Gesellschaft schaden, zum Beispiel die Rüstungsindustrie, Tabakhersteller, Kohlekraftwerke oder fossile Energieträger allgemein. Zudem haben sich auch viele große Versicherungsgesellschaften in den letzten Jahren nicht nur als Investoren aus der Kohlekraft zurückgezogen, sondern verweigern entsprechenden Unternehmen auch immer häufiger den Versicherungsschutz oder wollen diesen zumindest nach Ablauf bestehender Verträge nicht erneuern.

Herr Förster, was würden Sie Ihren Kindern sagen, wenn sie freitags nicht in die Schule, sondern für „”Fridays for Future“ auf die Straße gehen würden?

A. F. Das müssen wir gar nicht so theoretisch behandeln. Ich bin dreifacher Familienvater und will dazu ganz praktisch Stellung nehmen. Meine Haltung ist eindeutig: Es ist gut, richtig und förderungswürdig, dass junge Menschen Haltung zeigen und öffentlich für diese Haltung eintreten. Vor allem braucht die Gesellschaft derartige Erinnerungen daran, dass sie in der Pflicht steht, den nachfolgenden Generationen eine lebensfähige Umwelt zu hinterlassen.

Was sehen Sie denn kritisch an der Bewegung?

A. F. Um ein bestehendes System zu verändern, bedarf es eines deutlichen Drucks. Dieser Druck wird durch die Ausschließlichkeitshaltung der Bewegung ausgeübt, indem sie fordert, quasi mit sofortiger Wirkung alle klimaschädlichen Aktivitäten einzustellen. Klar ist aber auch: Wir haben nur diese eine Welt mit ihren Ressourcen, deshalb muss der Klimaschutz eine besonders hohe Priorität besitzen. Aber der Klimaschutz ist kein Zweck, der alle Mittel heiligt. Daher geht es vielmehr darum, wie Klimaschutz-Maßnahmen am wirksamsten und am schnellsten umzusetzen sind, und zwar mit der Beachtung anderer wichtiger Güter wie soziale Sicherheit, Gerechtigkeit oder auch Lebensqualität. Die schwierige Frage bleibt bestehen: Wie wird aus dem Notwendigen das Machbare? Aber da müssen junge Menschen nicht die sein, die die Antworten haben. Das ist vor allem die Aufgabe meiner Generation.

Und glauben Sie, dass wir diese Aufgabe überhaupt im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung lösen können, wenn also das Streben nach Gewinn als Maxime unangetastet bleibt? Fühlen Sie sich als Finanzvorstand eines gewinnorientierten Unternehmens von den Klimaaktivisten nicht prinzipiell infrage gestellt?

,,Es ist gut, richtig und förderungswürdig, dass junge Menschen Haltung zeigen und öffentlich für diese Haltung eintreten.“

A. F. Naja, zum einen sind wir ja als Unternehmen der kommunalen Daseinsvorsorge kein ganz lupenreines Beispiel für diese Art der Marktwirtschaft. Wir sind ja schon heute bei allem, was wir tun, in erster Linie den Bürgerinnen und Bürgern verpflichtet. Zum anderen aber gilt prinzipiell, wie gesagt: Kapitalismus und Umweltschutz müssen heutzutage kein Widerspruch mehr sein. Im Gegenteil: Unternehmen wie ENTEGA, für die Umweltschutz und achtsames soziales Miteinander Teil des Geschäftsmodells sind, werden in diesen Zeiten auch in einem kapitalistischen System für ihren Einsatz eher belohnt als bestraft – jedenfalls auf mittlere und lange Sicht.

Herr Förster, herzlichen Dank für das Gespräch.