HEIMAT
Kein schöner Land? Heimat – das wird schnell eng. Und wirklich schön oder lebenswert ist für viele nur die eigene Heimat. Dabei geht es in Wirklichkeit einfach nur um Geborgenheit, um einen Ort, an dem „ich verstehe und verstanden werde“, wie es der Philosoph Karl Jaspers ausgedrückt hat. Für ENTEGA liegt diese Heimat in Südhessen. Hier ist das Unternehmen verwurzelt und für die Menschen ein Teil ihres täglichen Lebens. Wärme, Wasser, Strom – Dinge, die man zum Leben braucht, die Sicherheit geben und Komfort bedeuten. Andersherum kann sich ENTEGA auf die Städte und Gemeinden der Region verlassen. 60 Prozent des Umsatzes werden dort erwirtschaftet. Weil Heimat auch Vertrauen bedeutet.
HEIMAT
IST MEHR ALS
EIN (W)ORT.
Ein Interview mit Andreas Niedermaier,
Vorstand Personal und Infrastruktur, über
die Bedeutung von Heimat im Privat- und
Berufsleben.

Herr Niedermaier, können Sie mit dem Begriff ,,Heimat“ etwas anfangen?

A. N. Oh ja, durchaus! Heimat kann ich sozusagen körperlich definieren: Wenn ich per Auto von einer längeren Reise zurückkomme und auf der Bundesstraße 45 in Richtung meines Heimatortes Groß-Umstadt Wiebelsbach fahre, kann ich ab einer bestimmten Stelle die Veste Otzberg sehen. Und wenn sich dieses undefinierbare wohlige Gefühl einstellt, ist das die Freude auf zu Hause und die damit verbundene erwartete Geborgenheit, ist das „Heimat“.

Hat das etwas damit zu tun, dass Sie dort geboren sind?

A. N. Geboren bin ich etwas entfernt in Otzberg- Lengfeld. Es hat eher etwas damit zu tun, dass ich im sogenannten Otzberger Land schon immer lebe. Es hat mit den Menschen dort zu tun, die ich kenne. Mit den Straßen und Plätzen, den Feiern, der Kultur des Zusammenlebens dort – das alles gibt mir ein Gefühl von Zugehörigkeit, aber auch von Berechenbarkeit und Sicherheit. In einer Großstadt wie Berlin zum Beispiel habe ich das nicht.

Was ist dort anders?

A. N. Die Vorherrschaft des rein Zweckmäßigen. Wenn ich mich für längere Zeit in einer fremden Großstadt aufhalte, dann ist das für mich unter Umständen zwar auch eine interessante und bereichernde Erfahrung. Aber im Vordergrund steht doch dieses rein praktische Erlebnis: Die Kontakte kreisen um Geschäftliches, man fährt Taxi oder Bahn, um irgendwohin zu kommen. Sogar in vielen Restaurants spürt man: Du bist hier einer von vielen, die kommen und gehen. Aber als Einzelner, als Individuum, wird man nicht gesehen. Das ist dort, wo man seine „Heimat“ hat, grundsätzlich anders.

Bei Heimat geht es also um Teilhabe und Zugehörigkeit?

A. N. Könnte man so sagen, ja.

,,Allein in Darmstadt leben rund 25.000 Menschen aus über 150 verschiedenen Nationen mit nicht deutschem Pass."

Ist es aber nicht so, dass diese Teilhabe oftmals nur wenigen vorbehalten bleibt? Gerade an Orten, wo der Begriff "Heimat“ für die Haltung eine zentrale Rolle spielt?

A. N. Auch das ist (leider) richtig. Ich selbst glaube aber, dass Heimatgefühle und Fremdenfeindlichkeit eigentlich nur schlecht zusammenpassen. Wenn ich doch bei mir selbst merke, wie wichtig es ist, dass Menschen in ihrem Leben einen Ort haben, an dem sie sich angenommen und sicher fühlen, dann kann ich einen solchen Ort ja schwerlich gerade denjenigen verweigern, die ihre eigene Heimat verloren haben. Heimatgefühl ist immer auch Mitgefühl, würde ich behaupten. Meine Eltern sind beispielsweise aus Süddeutschland in den Odenwald gekommen und haben sich dort unter anderem mit Vereinsaktivitäten eine neue Heimat geschaffen. Sicher ist das kein Vergleich mit den Menschen, die ihre Heimat aus Angst um Leib und Leben verlassen mussten, aber für mich gibt es überhaupt keinen Grund, meine Heimat nicht mit anderen teilen zu wollen.

Erleben Sie das hier in der Region Südhessen auch ganz praktisch?

A. N. Auf jeden Fall. Die Menschen hier sind seit jeher geistig aufgeschlossen und vor allem gastfreundlich. Schon deshalb hat „Heimat“ bei uns nichts Ausschließendes. Allein in Darmstadt leben rund 25.000 Menschen aus über 150 verschiedenen Nationen mit nicht deutschem Pass. Das sind – ebenso wie darüber hinaus in der Region – 16 Prozent der Gesamtbevölkerung.¹ Wie überall entstehen aus diesem Zusammenleben auch Probleme. Aber der ganz überwiegende Teil der einheimischen und zugezogenen Bevölkerung lebt friedlich miteinander.

Glauben Sie, dass heute auch der Arbeitsplatz ein Stück „Heimat“ ist?

A. N. Ganz bestimmt sogar. Und nicht erst heute: Welcher Arbeit jemand nachgeht und wo, das hat ja deutliche Auswirkungen auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Gerade die Themen Teilhabe und Sicherheit spielen dabei eine große Rolle. Bei ENTEGA achten wir zum Beispiel sehr darauf, dass die Mitarbeitenden wo immer möglich in Teams arbeiten und ihre Aufgaben in größtmöglicher Eigenverantwortung selbst lösen. Gleichzeitig versuchen wir, bei allem Wandel ein bestimmtes Set an Werten und Verhaltensweisen im Unternehmen konstant zu halten, man könnte auch sagen: durchgehend eine bestimmte Haltung zu zeigen, um auf diese Weise Sicherheit und Orientierung zu vermitteln. Im Schnitt verbringt jeder Beschäftigte rund ein Drittel des Tages im Unternehmen. Wir arbeiten sehr intensiv daran, für unsere Beschäftigten Rahmenbedingungen zu schaffen, die sich mit Heimat, wenn auch beruflich, vergleichen lassen.

Stichwort Sicherheit. Welchen konkreten Beitrag leistet ENTEGA dafür, dass nicht nur die Mitarbeitenden im Unternehmen eine Heimat finden, sondern dass auch die Menschen in der Heimatregion des Unternehmens sich sicher fühlen können?

A. N. In unserem Zusammenhang geht es dabei vor allem um Versorgungssicherheit. Und die hat viel zu tun mit der Qualität der Netze, die wir betreiben. Also konkret mit über 9.300 Kilometern Stromnetz, 2.500 Kilometern Gas- und über 900 Kilometern an Wasserleitungen und rund 4.700 Kilometern an Telekommunikationsleitungen. In dieser Disziplin sind wir sehr geübt, wie die Zahlen beweisen: Bundesweit liegen zum Beispiel die Stromausfallzeiten pro Jahr bei 14 Minuten. In unserem Netzbereich gab es 2019 insgesamt nur sieben Minuten keinen Strom. Auch so etwas ist Teil eines guten Heimatgefühls, wie ich meine! Fast alle unserer Beschäftigten sind sehr stolz darauf, dass wir für die Region mit der Versorgung mit Strom, Gas, Wasser und der Datenanbindung oder auch der Reinigung von Abwasser oder der Umwandlung von Müll in Strom und Wärme einen wesentlichen Beitrag zur guten Lebensqualität unserer Mitmenschen leisten.

Angesichts solch guter Werte könnte man sich fragen, warum Sie 2019 die e-netz Südhessen GmbH & Co. KG, den Netzbetreiber des ENTEGA-Konzerns, mit der ENTEGA Netz AG zusammengelegt und die e-netz Südhessen AG gegründet haben. Warum diese Veränderung? Welche Verbesserungen bringt das für die Region?

A. N. Der Zusammenschluss bedeutet, dass jetzt Betreiber und Eigentümer unter einem Dach vereint sind. Das macht vieles einfacher, vor allem bündelt es die Verantwortung. Und das wiederum stärkt die Netze. Wir haben zum Beispiel beschlossen, in nächster Zeit pro Jahr bis zu 40 Millionen Euro für die Strom- und Gasnetze zu investieren – und weitere Mittel in den Ausbau der Glasfasernetze. All dies sorgt dafür, dass wir bei ENTEGA eine zukunftsfähige Infrastruktur bauen, pflegen und betreiben, die praktisch die Grundlage fast unseres gesamten Endkundengeschäfts bildet. Unsere Investitionsstrategie ist schon seit Jahren darauf ausgerichtet, die Substanz des Konzerns zu stärken, was daran zu erkennen ist, dass wir mehr investieren, als durch Alterung der Anlagen an Werten verzehrt wird.

Spielt diese Stabilität im ENTEGA-Konzern auch eine Rolle bei der Entscheidung, die Dienstleistungspalette in der Region immer mehr zu erweitern?

A. N. Stabilität ist die Grundvoraussetzung für Wachstum. Insofern lautet die Antwort: ja. Bei unseren neuen Dienstleistungen geht es aber vor allem um strategische Zukunftsfragen: Wie sieht ein bislang klassischer kommunaler Energieversorger in zehn oder zwanzig Jahren aus? Und da führt die Entwicklung ganz sicher Richtung Infrastruktur-Dienstleister. Wir nennen das auch gerne Lebensraummanager. Unsere Wachstumsinitiative zielt genau darauf ab, insbesondere die regionale Verankerung mit diesen neuen Produkten zu stärken und unsere Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Was heißt das konkret?

A. N. Das bedeutet konkret – um noch einmal an den Heimatbegriff anzuschließen –, dass wir die technologische Grundlage für Teilhabe schaffen: Schon heute bieten wir übergreifende Dienstleistungen wie unsere ENTEGA-Flatrate an, die auch Telefonie, Internet und Fernsehen beinhaltet. Oder sorgen dafür, dass Schulen ans schnelle Internet angeschlossen werden wie 2019 zum Beispiel in Darmstadt-Dieburg. Über die moderne Glasfaserinfrastruktur hat ENTEGA 1.000 Mbit/s Standleitungen zur Landkreisverwaltung in Darmstadt eingerichtet. Die Schulen können dadurch eine zentrale Verwaltungsplattform im Rechenzentrum in der Jägertorstraße nutzen, die Intranet und Internet und zu einem späteren Zeitpunkt auch Telefonie einschließt.

Aber auch sonst werden Sie im öffentlichen Leben der Kommunen immer präsenter.

A. N. Ja, die Digitalstadt und Wissenschaftsstadt Darmstadt etwa unterstützen wir beim Aufbau eines LoRaWAN-Funknetzes, das unter anderem bei der intelligenten Steuerung der Mobilität hilft. Ein anderes Einsatzgebiet derselben Technik ist die Wasserversorgung: In Oberzent im Odenwald etwa werden die Füllstände der Wasserhochbehälter und die Daten zur Wasserqualität mithilfe eines solchen Funknetzes übertragen. Bislang muss der städtische Wassermeister die Wasserhochbehälter regelmäßig selbst anfahren, um den Füllstand zu kontrollieren. Mithilfe der neuen Funktechnik LoRaWAN und Sensoren geht das künftig elektronisch. Unter dem Stichwort Smart Region arbeiten wir mit unseren kommunalen Partnern an zahlreichen solcher Initiativen.

,,Ich jedenfalls bin überzeugt: Klimaschutz
ist immer auch Heimatschutz."

Gibt es auch schon Aktivitäten, die für die Bürgerinnen und Bürger noch direkter spürbar und sichtbar sind?

A. N. Wir engagieren uns zum Beispiel beim Thema „Intelligente Straßenbeleuchtung“ und sorgen dadurch für mehr Sicherheit. Gleichzeitig betreiben wir in der Region mehr als 150 Strom-Tankstellen und bringen das e-Car-Sharing voran. Dazu bieten wir den Kommunen an, elektrisch betriebene Fahrzeuge für die Verwaltung zu mieten. Und die wiederum können ihren Bürgerinnen und Bürgern diese Fahrzeuge dann im Rahmen von Car-Sharing anbieten. Eine der Besonderheiten liegt aber darin, dass die Kunden zusammen mit den Autos eine Art Rundum-sorglos-Paket erwerben: mit Vollkasko- und Haftpflichtversicherung, Wartung, Inspektion und Pannenhilfe bis zur regelmäßigen Reinigung und einer 24/7-Hotline für die Nutzer. Das zeigt ganz gut, wie umfassend wir uns als Dienstleister in Zukunft aufstellen wollen. Und es zeigt, dass wir dabei sind – zusätzlich zur Energiewende –, auch ein fester Bestandteil der Verkehrswende zu werden. Oder auch im Rahmen der Vermarktung von Speicherlösungen. In Groß-Umstadt werden wir im Juli den ersten Quartierspeicher zur Vermarktung bereitstellen und den Kunden damit die Möglichkeit geben, ihre Eigenverbrauchsquote von PV-Strom erheblich zu steigern.

Selbst beim Bauen spielt ENTEGA neuerdings eine Rolle.

A. N. Eine doppelte Rolle sogar: Zum einen betreibt die e-netz Südhessen AG im Internet ein kommunales Baustellenportal. Damit können die Städte und Gemeinden alle Baustellen im öffentlichen Straßenraum in einer einzigen Datenbank dokumentieren und verwalten. Die Eckdaten der e-netz-Baustellen, die kommunale Mitarbeiter bislang aus einer offiziellen Baustellenanmeldung per Hand in die Verwaltungsdateien der Kommune übertragen, werden nun mithilfe dieser Anwendung automatisiert in die kommunale Datenbank überspielt. Das verbessert die Übersicht und hilft, Bauprojekte zu beschleunigen. Zum anderen helfen wir den Kommunen künftig noch stärker bei der Baulanderschließung: Wir haben Spezialisten im Planungs- und Baugeschäft, in der Betriebs- und Netzführung und auch im Wartungs- und Instandhaltungsgeschäft. Dieses gesamte Know-how werden wir künftig noch besser bündeln und den Kommunen zur Verfügung stellen.

Apropos Bauen: Geraten Sie selbst nicht auch oft in Konflikt mit dem Heimatgefühl der Menschen? Wenn Sie nämlich selbst als Bauherr auftreten und in der heimatlichen Landschaft Windräder aufstellen wollen?

A. N. Das kommt tatsächlich vor, ja. Windkraftanlagen werden oft als Störung empfunden. Und man muss ja auch zugeben: Die meisten Landschaften sehen schöner aus, wenn kein Windrad darin steht. Auf der anderen Seite ist aber den meisten Menschen, die hier in der Region politische Verantwortung tragen, auch klar: Ohne den Ausbau der erneuerbaren Energien kann es keine Energiewende und ohne Energiewende keinen funktionierenden Klimaschutz geben. Irgendwo muss der saubere Strom also herkommen. Wir führen die Diskussionen deshalb in jedem Einzelfall sehr sorgfältig und treffen Entscheidungen im Einklang mit den Anforderungen des Natur- und Umweltschutzes – vor allem aber im Austausch mit der jeweiligen Bevölkerung. Das ist mitunter für alle Seiten anstrengend. Aber es lohnt sich, wenn am Ende die Akzeptanz möglichst hoch ist. Wenn ich an freien Tagen spazieren gehe oder mit dem Fahrrad unterwegs bin, kann ich von vielen Stellen aus, bei klarem Wetter eine tolle Aussicht genießen. Manchmal sehe ich dann auch in 50 Kilometern Entfernung ein Kohlekraftwerk in der Nähe von Hanau. Wenn ich ehrlich bin, sind unsere Windräder in diesem Augenblick schöner anzusehen. Ich jedenfalls bin überzeugt: Klimaschutz ist immer auch Heimatschutz.

Herr Niedermaier, herzlichen Dank für das Gespräch.