WASSER
Wasser, sagt man, ist der Anfang von allem, die Quelle des Lebens. Vielleicht stehen wir deshalb so gern dort, wo Wasser und Land sich berühren: Weil unsere allerersten Vorfahren an dieser Stelle ihr angestammtes Element verließen und sich einen neuen Lebensraum erschlossen. Entwicklung unter veränderten Bedingungen – das erfordert eine Haltung der Flexibilität, höchste Anpassungsfähigkeit und zugleich: Stärke, Mut, Entschlossenheit. ENTEGA geht diesen Weg seit Jahren mit großer Konsequenz. Agile Arbeitsmethoden, flexible Teams oder die Kooperation mit Wissenschaftlern und jungen Start-up-Unternehmern sorgen für evolutionäre Energie, die am Ende alle vorwärtsbringt: Mensch und Natur, Wirtschaft und Umwelt. So bleiben die Dinge im Fluss.
HALTUNG
HEISST AUCH
RISIKO
Ein Gespräch mit der ENTEGA-Vorstands-
vorsitzenden Dr. Marie-Luise Wolff über
die Bedeutung unternehmerischer Energie
für das Gelingen der Energiewende.

Frau Wolff, die Beiträge in diesem Geschäftsbericht drehen sich um das Thema „Haltung“. Aber können Unternehmen überhaupt eine Haltung haben? Oder ist das nicht eher eine Angelegenheit für einzelne Personen?

M.-L. W. Unternehmen sind eine juristische Rechtspersönlichkeit, werden aber von Menschen geführt, die durch ihre Haltung das Unternehmen positionieren. Insofern ist entscheidend, welche Haltung der Vorstand, aber auch Führungskräfte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben.

Sie sind Vorstandsvorsitzende der ENTEGA AG. Welche Haltung haben Sie?

M.-L. W. Die Handlungen müssen durch Haltung begründet sein. Nur von Ethik reden, aber ausschließlich an Monetik denken, ist der falsche Ansatz. Ohne Zweifel muss das Management die Gewinn- und Verlustrechnung im Kopf haben, aber darüber hinaus kommt es darauf an, als Unternehmer Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Der Kompass muss also das Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwesen sein.

Bei der ENTEGA sehen Sie das in der ökologischnachhaltigen-sozialen Gesamtausrichtung des Konzerns. Wir wollen mit unserem Geschäftsmodell – Ökostrom, klimaneutrales Gas und regenerative Energieerzeugung seien als Beispiele genannt – einen Beitrag leisten, diesen Planeten zu retten. Gleichzeitig verstehen wir uns als sozial verpflichteter Arbeitgeber, der sich um seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmert und Wertschöpfung in der und für die Region generiert. Schließlich haben wir schon vor mehr als einem Jahrzehnt die gemeinnützige ENTEGA Stiftung gegründet, um soziale Verantwortung in der Region mit zu übernehmen.

,,Die Gewinnerzielungsabsicht an sich ist ja nichts Verwerfliches. Die entscheidende Frage ist die Gewinnverwendung.“

Aber Unternehmen in Deutschland sind doch schon per Gesetz auf bestimmte Grundsätze oder auch Organisationsformen verpflichtet und können bzw. müssen sich ihre Haltung gar nicht erst aussuchen.

M.-L. W. Richtig ist, es gibt z. B. die Corporate Governance. Das Konzept der Corporate Governance umfasst die Festlegung von verschiedenen Grundsätzen, um eine gute, organisierte Unternehmensführung zu gewährleisten. Oder den Code of Conduct. Er ist ein Verhaltenscodex, welcher zum Teil auf Gesetzen und zum Teil auf den Wertvorstellungen beruht, die sich das Unternehmen gegeben hat. Er vermittelt die wesentlichen Grundsätze und Regeln für rechtmäßiges und verantwortungsvolles Handeln. Er setzt deshalb den Maßstab für das Verhalten im ENTEGA-Konzern. Für mich ist das eher die grundsätzliche Basis, auf die man sich verständigt haben muss, weil wir ihn vor dem Hintergrund geltenden Rechts, anerkannter Werte und unserer ethischen Grundsätze entwickelt haben. Haltung ist nicht gesetzlich definiert. Haltung ist von Prinzipen gelenkt, wertegetrieben. Wer Haltung hat, ist kein Fähnchen im Wind, der hat Überzeugungen. Insofern bestimmt jedes individuelle Vorstandsmitglied die Haltung des Unternehmens, die Ausrichtung, wenn es ethische Grundsätze und nicht nur eine Meinung hat.

Können Sie Beispiele nennen?

M.-L. W. Ja, schauen Sie auf die Produkte, die ENTEGA anbietet: Selbstverständlich sind es solche, die dem Kunden einen Mehrwert bringen. Klar, das versteht sich von selbst. Aber gleichzeitig solche, die gesellschaftlich akzeptabel sind. Also gemeint sind nachhaltige Produkte, die der gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Verantwortung gerecht werden, die aber gleichzeitig dem Unternehmen Gewinn bringen. Die Gewinnerzielungsabsicht an sich ist ja nichts Verwerfliches. Die entscheidende Frage ist die Gewinnverwendung. Extreme Gehaltsboni sind sicherlich anders zu bewerten als Investitionen in die Zukunft des Unternehmens oder wie bei ENTEGA eine Ausschüttung an unseren Mehrheitsgesellschafter, die Wissenschafts- und Digitalstadt Darmstadt, denn dann kommt der Gewinn letztendlich der Bürgerschaft insgesamt zugute.

Haltung zu haben bzw. zu zeigen ist also nicht von vornherein einer bestimmten inhaltlichen Ausrichtung zuzuordnen?

M.-L. W. Nein, durchaus nicht. Auch jemand, der sich zum Beispiel keinem anderen unternehmerischen Ziel verpflichtet fühlt als der Gewinnmaximierung, folgt damit einer bestimmten Haltung. Über die kann und muss man in der heutigen Zeit diskutieren. Denn es gibt übergeordnete Ziele, denen wir alle verpflichtet sind. Wer sich wie Deutschland und viele andere Staaten im Pariser Klimaabkommen verpflichtet hat, die Erderwärmung auf 1,5 Grad bis 2 Grad zu begrenzen, der muss den CO2 Ausstoß als zentrale Größe seines Handelns im Blick haben. Das heißt mit anderen Worten: eine frühere Kampagne wie „Geiz ist geil“ (Media Markt) ist frei von gesellschaftlich akzeptablen Werten und rein monetär ausgerichtet. Das passt nicht mehr in unsere Zeit. Diese Haltung hat sich überlebt.

Warum sollten derart theoretische Fragen für den Alltag der Menschen im Unter- nehmen eine Rolle spielen?

M.-L. W. Weil es gar keine theoretischen Fragen sind. Es sind vielmehr höchst praktische Aspekte: Welche Kultur des Umgangs pflegen wir miteinander? In diesem Bereich hat sich richtigerweise vieles grundlegend verändert. Und damit meine ich nicht nur die veränderte Rolle der Frau im Alltag wie im Beruf. Diversity, Gender Diversity oder die kulturelle Vielfalt sind nicht nur Begriffe, sondern zumindest in modernen Unternehmen gelebte Praxis. Dasselbe gilt für die Arbeitsinhalte. Die Identifikation mit meiner Arbeit ist ungleich höher, wenn sie neben praktischen Arbeitsergebnissen Relevanz für eine klimaschonende Umwelt hat. Diese Arbeit ist wertvoller, sie ist bereichernd in mehrfacher Hinsicht.

Demnach bedeutet „"Haltung zeigen“ in etwa dasselbe wie „"Werte haben“?

M.-L. W. Nicht ganz. Natürlich gründet eine Haltung auf Werten oder orientiert sich daran. Über die Gültigkeit der Werte muss man regelmäßig nachdenken, sie verändern sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Entscheidend ist, einen moralischen Kompass zu besitzen, der sich dann im Handeln ausdrückt.

Was heißt das alles für ENTEGA? Hat das Unternehmen eine bestimmte Haltung?

M.-L. W. Unsere Haltung haben wir uns gemeinsam erarbeitet, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie die Führungskräfte oder der Vorstand. Und nicht zu vergessen: Unser Aufsichtsrat trägt unsere lineare Entwicklung nicht nur bis heute mit – auch er prägt unsere Haltung. Der Prozess hat bereits 2008 begonnen und Nukleus war Ende der 1990er-Jahre die NATURpur Energie AG. In uns allen ist die Erkenntnis gereift: Der nachhaltigen, regenerativen Energie und entsprechenden Energiedienstleistungen gehört die Zukunft. Die Prozesse optimieren wir nach wie vor und sie münden in unserem Markenversprechen „Einfach klimafreundlich für alle“. Wir bieten nachhaltige Qualität zu vernünftigen Preisen. Unsere Haltung ist: Wir stehen dafür, dass diese ökologischen und sozialen Ziele auch auf ökonomisch nachhaltige Weise erreicht werden. Denn richtigerweise erwartet unser Aktionär eine Dividende.

Aber beanspruchen das dieser Tage nicht fast alle Unternehmen für sich?

M.-L. W. Mag schon sein. Aber Anspruch und Wirklichkeit sind nicht immer deckungsgleich. Wir vertreiben nicht nur Ökostrom, wir erzeugen ihn auch in eigenen Wind- und Solarparks. Wir investieren in elektrische Ladeinfrastruktur und verleasen elektrische Fahrzeuge an Kommunen. Wir kooperieren mit Start-up-Unternehmen im Bereich elektrischer Lastenfahrräder oder bei der Weiterentwicklung des kinetischen Schwungmassespeichers.

Wo ist da der prinzipielle Unterschied?

M.-L. W. Es ist eine Frage der Herangehensweise. Wir verstehen uns als ein Unternehmen, das unternehmerisch denkt und handelt. Wir entwickeln unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen, aber nur die, die den Markttest bestehen, kommen ins Portfolio. Dazu gehört selbstverständlich, regelmäßig die Handlungsweise zu überprüfen. Haben wir zu Anfang Windparks schlüsselfertig gekauft, so entwickeln wir sie heute komplett mit eigenen Fachkräften sowie Dienstleistern. Diese Kompetenz mussten wir Stück für Stück aufbauen. Dafür hat sich unsere Wertschöpfungskette grundlegend erweitert. Damit sind untrennbar unternehmerische Risiken verbunden. Nicht jeder projektierte Standort wird auch gebaut. In den zurückliegenden Jahren haben wir insgesamt rund eine Milliarde Euro in Erneuerbare-Energien-Anlagen investiert. Selbstverständlich sind alle Projekte sorgfältig kalkuliert, aber ob das Windjahr gut oder schlecht war, weiß man erst hinterher. Das alles erfordert einen Aufwand, den Sie nur dann mit Erfolg und auf Dauer bewerkstelligen können, wenn dahinter eine stabile Haltung steckt.

Wenn Sie von heute aus auf das Jahr 2019 zurückblicken, gab es da einen bestimmten Moment, von dem Sie sagen würden: Da kam es ganz besonders auf die Haltung an?

M.-L. W. Ich würde das beinahe vom gesamten Jahr 2019 behaupten. Denn 2019 war ein wirklich historisches Jahr, eine Zäsur für unsere Branche: Wer hätte es für möglich gehalten, dass die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (KWSB) einen einhelligen Vorschlag zum Ausstieg aus der Kohleverstromung macht? Diese Entscheidung ist historisch. Weniger erfreulich ist der vom Bundeskabinett Anfang dieses Jahres beschlossene Gesetzentwurf zum Kohleausstiegsgesetz, der nicht alle entscheidenden Punkte der KWSB aufgreift. Für uns besonders wichtig ist die zeitnahe Beseitigung der Hemmnisse zum Ausbau der Windenergie sowie die Aufhebung des Deckels für Photovoltaik und die Anhebung des Ausbauziels für Offshore-Wind zu regeln. Andernfalls wird das Ziel nicht erreichbar sein, den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bis 2030 auf 65 Prozent zu erhöhen.

Ein weiterer entscheidender Punkt: Die Energiewirtschaft war im Jahr 2019 bei der Reduzierung ihrer CO2-Emissionen um 44 Prozent gegenüber 1990 außerordentlich erfolgreich. Damit wird sie das 40-Prozent-Minderungsziell für 2020 bereits in 2019 deutlich übertreffen.

Im Verkehrssektor hingegen ist trotz technologischer Verbesserungen in den einzelnen Fahrzeugen jahrelang so gut wie nichts passiert, weil gleichzeitig die Zahl der Autos und Lkws immer weiter angestiegen ist. Die Autoindustrie muss deshalb in allernächster Zeit spürbar aufholen. Dieses Projekt werden wir fortsetzen, als nächstes mit zwei Schnellladestationen. Zu unseren Dienstleistungen gehört natürlich die ENTEGA Ladekarte, mit der Sie in Europa an 90.000 Ladepunkten Ihr Elektrofahrzeug laden können.


,,Wir entwickeln unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen, aber nur die, die den Markttest bestehen, kommen ins Portfolio. Dazu gehört selbstverständlich, regelmäßig die Handlungsweise zu überprüfen.“

Stichwort Zukunft: Zur Haltung eines Unternehmens gehört doch sicher auch, die Mitarbeitenden frühzeitig fit zu machen für das, was sich in den nächsten Jahren verändern wird. Hat ENTEGA dafür einen Fahrplan?

M.-L. W. Ja. Die Entwicklung vom klassischen Energieunternehmen hin zu einem Infrastruktur-Dienstleister ist voll im Gang und wird sich fortsetzen. Wir betreiben nicht nur Wind- und Solarparks, Strom-, Gas- und Wassernetze, sondern immer stärker auch Datennetze und bauen diese Netze konsequent aus. Wir bieten mit unserer Flatrate Telefon-, Internet- und TV-Anschlüsse an, und wir bringen schnelle Webverbindungen in die Haushalte, indem wir Glasfaserkabel verlegen. Diese Entwicklung hin zu digitalen Infrastrukturen verändert auch die Art, wie wir intern miteinander arbeiten, welche Weiterbildungen wir anbieten und wie wir junge Menschen ausbilden.

Kann ein Unternehmen wie ENTEGA auch zur Energiewende im Verkehrssektor einen Beitrag leisten?

M.-L. W. Selbstverständlich werden wir keine Fahrzeuge entwickeln, das ist fraglos eine Aufgabe der Fahrzeug-Hersteller und der Zulieferindustrie. Als Infrastrukturdienstleister, der die Märkte von morgen im Blick hat, haben wir längst begonnen, Ladepunkte für die E-Mobilität in der Wissenschaftsund Digitalstadt Darmstadt sowie den Landkreisen in Südhessen zu installieren. Unser Netz umfasst aktuell mehr als 150 öffentliche E-Ladesäulen mit je zwei Ladepunkten.

In Sachen Ausbildung haben Sie 2019 sogar eine Auszeichnung erhalten.

M.-L. W. Richtig, und darauf sind wir stolz. Als einziges Versorgungsunternehmen im Rhein-Main-Gebiet hat uns das Magazin Focus Money in die Rangliste „Deutschlands beste Ausbildungsbetriebe 2019“ aufgenommen.

Frau Dr. Wolff, herzlichen Dank für das Gespräch.

JEDES JAHR STARTEN BEI ENTEGA JUNGE MÄNNER UND FRAUEN INS BERUFSLEBEN. UND OBWOHL ES INSBESONDERE BEI TECHNISCHEN BERUFEN IMMER SCHWIERIGER WIRD, NACHWUCHS ZU FINDEN, SIND DIE BEWERBERQUOTEN HOCH. DAS LIEGT AUCH AN ATTRAKTIVEN ZUSATZANGEBOTEN.

„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“ und – so könnte man hinzufügen: Was wäre wichtiger im modernen Leben als die nachhaltige Versorgung mit Wasser, Strom und Wärme? Wer bei ENTEGA lernt, der lernt also im Wortsinne „fürs Leben“. Denn: Er oder sie erlernt einen Beruf, der dabei hilft, für die Menschen in der Region lebensnotwendige Güter bereitzustellen: sei es als Techniker*in, als IT-Fachkraft, als Kaufmann oder Kauffrau. Insgesamt sind es neun verschiedene Berufe, in denen ENTEGA eine Ausbildung anbietet – zuzüglich einer Einstiegsqualifizierungsmaßnahme sowie fünf Studiengängen. Über 120 junge Menschen haben sich dafür im Durchschnitt des vergangenen Jahres entschieden, 14 Prozent von ihnen waren weibliche Auszubildende. Neu aufgenommen ins Portfolio der Ausbildungsberufe wurde dabei für den Bereich Netzbetrieb der Beruf Anlagenmechaniker*in mit der Vertiefung Rohr- und Systemtechnik. Besonders erfreulich: Bei der Abschlussprüfung im Frühjahr waren es drei ENTEGA-„Azubis“, die als Kammerbeste*rin der jeweiligen Ausbildungsberufsgruppe abschnitten.

124 AUSZUBILDENDE BEI ENTEGA – SO LERNEN SIE, DAS SIND IHRE BERUFSZIELE

64 %
auf 7 technische Ausbildungsberufe
15 %
auf 5 Studiengänge
17 %
auf 2 kfm. Ausbildungsberufe
4 %
auf eine Einstiegsqualifizierungsmaßnahme

Zu den Fakten gehört aber auch: Ausbildungs-Nachwuchs ist immer schwieriger zu finden – insbesondere in den technischen Berufen. Bisher ist die Bewerberquote bei ENTEGA zwar hoch. Trotzdem gilt: Wer junge Menschen erfolgreich ansprechen und begeistern will, muss neue Wege in der Kommunikation gehen und mehr bieten als Fakten vom Fach.

Deshalb werden bei ENTEGA auch die Ausbildungsbeauftragten selbst in speziellen Workshops kontinuierlich ausgebildet. Und die Auszubildenden lernen in Zusatzschulungen auch andere wichtige Aspekte des unternehmerischen Alltags wie etwa Compliance oder Diversity kennen – ein Angebot, das auf großes Interesse stößt und kontinuierlich weiterentwickelt wird.