„Veränderung ist auch im
Unternehmen zu einer Daueraufgabe
geworden, bei der alle in neue
Rollen hineinwachsen müssen.
Das betrifft unmittelbar die persönliche
Entwicklung jedes Einzelnen.“

Dr. Marie-Luise Wolff

„Wachstum bedeutet für
uns am Theater vor allem
Verwandlung und Entwicklung.
Das ist unser
eigentliches Element.“

Karsten Wiegand

DR. MARIE-LUISE WOLFF
und
KARSTEN WIEGAND


DIE KRAFT
DER PHANTASIE

Ein Unternehmen ist kein Theater, ein Theater
kein Unternehmen. Rund um das Thema Wachstum
aber gibt es dennoch viele Berührungspunkte.
Marie-Luise Wolff, Vorstandsvorsitzende der ENTEGA AG,
und Karsten Wiegand, Intendant des Staatstheaters
Darmstadt, im Gespräch über die Mühen des Laufenlernens,
die Bedeutung der Phantasie und die notwendige
Empfindung der Dringlichkeit.

Hinter den Kulissen:

Es müssen viele Gewerke ineinandergreifen, damit ein Stück auf die Bühne kommt – von der Regie
über die Schauspieler bis hin zur Schreinerei. Ohne gute Moderation glückt das nicht.

M.-L. W. Herr Wiegand, ich habe gelesen, im Staatstheater stehen Sanierungsarbeiten und Umbauten an. Worum geht es genau und wie stellen Sie sich auf die Zeit der Veränderungen ein?

K. W. Ja, die komplette Bühnentechnik und im Zusammenhang damit auch einzelne Gebäudeteile müssen erneuert werden. Für einige Zeit werden wir auf andere Spielstätten ausweichen müssen. In anderen Fällen werden wir uns für spezielle Orte in der Stadt etwas einfallen lassen.

M.-L. W. Veränderung ist ja auch bei uns ein Dauerthema. Aber anders als bei Gebäudesanierungen sind noch sehr viel mehr Menschen davon betroffen, und mit der Improvisation tun wir uns sicher schwerer als die Theaterleute.

„Wir wollen in dem Maße diverser und vielfältiger werden, wie die Gesellschaft vielfältiger und diverser wird.“

Karsten Wiegand

K. W. Ach, da wäre ich mir gar nicht so sicher. Wir können ja auch nicht alles über Improvisation lösen. Bevor zum Beispiel ein Stück auf die Bühne kommt, müssen unglaublich viele Gewerke ineinandergreifen: Die Regie, die Dramaturgie, Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch Schreiner/ -innen, Kostümbildner/-innen und Techniker/-innen. Das ist Prozessgestaltung, genau wie im Unternehmen. Und hier wie dort kommt es dann zu Herausforderungen. Wenn zum Beispiel die Künstler/ -innen in der Probephase eine ganze Reihe von Kostümen ausprobieren, bevor eine endgültige Entscheidung fällt. Das ist aus ihrer Sicht effektiv. Aus Sicht der Schneiderei sieht das möglicherweise wie ein ziemlich ineffizienter Prozess aus. So etwas muss man koordinieren und moderieren, damit alle auch die Perspektive der anderen verstehen.

M.-L. W. Und trotzdem sind doch Widerstände, auch eigene, vorprogrammiert, wenn es in solchen ohnehin schwierigen Prozessen auch noch dauernd Veränderungen gibt. Nach meiner Erfahrung jedenfalls sind die Menschen eher nicht für diese fluiden, von ständigem Wandel geprägten Zustände gemacht.

K. W. Natürlich ist Veränderung anstrengend, das ändert aber nichts daran, dass der Erfolg für uns alle daran hängt, wie gut es gelingt, mit dem Wandel umzugehen. Um zum Beispiel dieselbe Anzahl von Besuchern ins Theater zu locken, müssen wir heute mehr Stücke spielen, mehr unterschiedliche und individuelle Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen befriedigen. Dafür wollen wir diverser und vielfältiger werden, wie die Gesellschaft vielfältiger und diverser wird. Aber: Die Ressourcen dafür bleiben im besten Fall konstant.

„Wir produzieren nicht unbedingt mehr Energie, aber in besserer Qualität.“

Dr. Marie-Luise Wolff

M.-L. W. Mit anderen Worten: Auch bei Ihnen geht es um Ressourceneffizienz!

K. W. Ja, so kann man das nennen – auch wenn wir als Bühnenkünstler meist nicht so sprechen. Aber wir versuchen durchaus, neue Ressourcen zu erschließen oder die vorhandenen besser zu nutzen – indem wir etwa mit anderen Bühnen kooperieren oder indem wir unsere Inszenierungen weniger opulent anlegen.

Vor allem aber, indem unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein unglaubliches Engagement entfalten. Nur so können wir mehr machen und zugleich die Qualität halten.

M.-L. W. Und darum geht es doch: um Qualität! Einfach nur ‚mehr‘ von irgendetwas zu produzieren – Waren, Dienstleistungen, Geld – kann nicht mehr das Ziel sein, oder? In der Energiebranche jedenfalls haben wir uns davon verabschiedet. Hier zeigt sich vielmehr, wie ein neuer Wachstumsbegriff funktionieren kann: Kohleausstieg zum Beispiel bedeutet erst ein- mal das Gegenteil von Wachstum: ein radikales Schrumpfen. Genau dadurch aber entstehen an anderer Stelle wieder Wachstumschancen. Bei den erneuerbaren Energien zum Beispiel. Und wenn wir diese ausbauen, dann erzielen wir zugleich Fortschritte beim Klimaschutz. Wir produzieren also nicht unbedingt mehr Energie, aber qualitativ bessere.

KARSTEN WIEGAND (geb. 1972 in München) ist seit 2014 Intendant des Staatstheaters Darmstadt. Der studierte Germanist, Politikwissenschaftler und Betriebswirt begann seine Theaterlaufbahn 1994 als Dramaturg für Schauspiel und Musiktheater am Hans Otto Theater in Potsdam, um dann als freier Regisseur zu arbeiten. Von 2008 bis 2013 war er Operndirektor des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Sein Debüt als Opernregisseur gab er 2004 mit Glucks „Orfeo et Euridice“ an der Staatsoper Krakau. In Darmstadt entstanden unter seiner Regie unter anderem „Hänsel und Gretel“, „Rigoletto“, „Prometeo“, „Die Zauberflöte“ und „Saint Francois d’Assise“.

K. W. Bei der Energie kann man das recht eindrucksvoll zeigen. Für uns Theaterleute ist das schon schwieriger. Die Besucherzahlen gelten noch immer als wichtigster Maßstab. Dabei kann das nicht unser einziger Maßstab sein. Es geht doch nicht darum, dass immer mehr Menschen kommen, sondern darum, dass sehr verschiedene Menschen im Theater etwas erleben, das ihr Herz, ihr Hirn, ihre Seele erreicht. Auch wir machen deshalb verstärkt neue Angebote zum Mitmachen, für Laienschauspieler zum Beispiel, die sich intensiver mit unserer Kunst auseinandersetzen wollen.

M.-L. W. Ich stelle mir vor, dass das Thema Wachstum überhaupt eine geringere Rolle spielt als in der Wirtschaft ...

K. W. Zumindest nimmt es eine etwas andere Form an. Ich spreche von Wachstum im Sinne von Entwicklung und Verwandlung. Das ist ja das eigentliche Element, in dem wir uns bewegen – mit Spiel, mit Masken, mit Kostümen und wechselnden Bühnenbildern. Und diese allgegenwärtige Verwandlung ist auch das, was die Menschen am Theater fasziniert: Für die Dauer eines Stückes können sie in die Welt der Figuren eintauchen. Ohne im eigenen Leben eine Veränderung wagen zu müssen, können sie gemeinsam mit den Schauspielern in ungewohnte oder auch grenzwertige Situationen eintauchen. Mit einer mordlustigen Lady Macbeth können sie sich genauso identifizieren wie mit der Verzweiflung eines König Lear. Das schafft Verständnis für die eigenen ebenso wie für fremde Ideen und Perspektiven.

Wer wir sein könnten:

Menschen interessieren sich sehr für die Möglichkeiten der Verwandlung.
Im Theater können sie damit zunächst experimentieren – ohne dass damit
persönliche Konsequenzen verbunden wären.

M.-L. W. In dieser Hinsicht sind wir im Unternehmen natürlich nicht ganz so frei wie die Profis am Theater. Aber um Entwicklung und Wandel geht es ja auch bei uns – auch in einem sehr persönlichen Sinne. Zum Beispiel sind wir seit einiger Zeit dabei, die Art unserer Zusammenarbeit zu verändern: weniger Hierarchien, mehr Eigenverantwortung und vor allem mehr Tempo in der Umsetzung neuer Ideen. Das alles erfordert auch von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wenn Sie so wollen, die Einübung neuer Rollen. Und es erfordert ein gehöriges Maß an Vorstellungskraft, an Phantasie: Wie wird die neue Arbeits-welt aussehen? Wie wird sich mein Alltag verändern?

Phantasie heißt:

Im Heute die Chancen des Morgen sehen.

„Weiterbildung ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, neue Ideen in der Praxis ohne Scham, ohne Hemmung ausprobieren zu können.“

Dr. Marie-Luise Wolff

K. W. Diese Herausforderungen sind für Künstlerinnen und Künstler wahrscheinlich etwas leichter zu bewältigen, weil sie im Umgang mit Wandel und Rollenwechseln eine gewisse Routine haben. Aber bei 550 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt es ja auch viele – von der Pforte bis zur Beleuchtung –, die machen das nicht jeden Tag. Und hier heißt der Schlüssel ganz klar: Kommunikation, Information und Weiterbildung.

M.-L. W. Bei ENTEGA haben wir deshalb allein im zurückliegenden Jahr mehr als 200 Scrum-Master, also neue Projektleiter, ausgebildet und zahlreiche Trainings und Workshops durchgeführt. Ich selbst habe daran auch teilgenommen und gemerkt: Man muss wirklich noch einmal etwas Neues lernen und auch bereit sein, aus Gewohnheiten herauszutreten.

K. W. Und: Hat es sich gelohnt?

M.-L. W. Das denke ich schon. Nehmen Sie nur mal an unser neues Angebot zur Telekommunikation. Wenn früher jemand die Idee gehabt hätte: ‚Eigentlich könnten wir außer Strom, Gas und Wasser doch auch Telefon-, Internet- und TV-Dienste anbieten’, wäre er oder sie damit zunächst einmal kaum durchgedrungen und falls doch, hätte es recht viel Zeit gebraucht, um aus der Idee Realität werden zu lassen. Jetzt aber haben wir ein Klima, in dem solche innovativen Ideen gefragt sind. Vor allem aber haben wir agile Methoden, mit denen wir ganz schnell prüfen können, ob der Einfall etwas taugt und die uns dabei helfen, die Sache schnell in die Tat umzusetzen.

K. W. Klingt gut. Aber gab es nicht auch Rückschläge und Misserfolge?

M.-L. W. Natürlich. Und gerade in diesen Fällen geht es vor allem um Vertrauen. Weiterbildung ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, neue Ideen in der Praxis ohne Scham, ohne Hemmung ausprobieren zu können. Im Grunde läuft nichts von Anfang an reibungslos.

K. W. Man braucht neben aller Information und Weiterbildung eine gute Kultur des Scheiterns. Wir könnten uns da an Kindern ein Beispiel nehmen. Forscher haben herausgefunden, dass sie beim Stehenlernen im Durchschnitt 1.170 mal hinfallen, bevor es ihnen gelingt, einigermaßen stabil zu stehen, ohne wieder hinzufallen. Das Faszinie- rende ist dabei: Die Kinder sind nicht frustriert, wenn sie hinfallen. Sie stehen einfach wieder auf und versuchen es mit leicht veränderter Technik noch einmal – Hunderte Male, so lange, bis es klappt. Mit anderen Worten: Sie üben! Auf dem Weg zum Erwachsensein verlieren wir leider irgendwann diese Art von Geduld und neigen dazu, aufzugeben, wenn es nach dem dritten oder vierten Versuch nicht funktioniert. Weil uns das Scheitern so sehr frustriert. Denn unser Fokus liegt auf dem Hinfallen, dem Scheitern, nicht auf dem Aufstehen und Weiterüüben.

„Entscheidend ist nicht unbedingt, dass wir ständig die Zuschauerzahlen steigern. Entscheidend ist, dass sehr verschiedene Menschen im Theater etwas erleben, das ihr Herz, ihr Hirn, ihre Seele erreicht.“

Karsten Wiegand

M.-L. W. Wir haben in der deutschen Industrie seit Jahrhunderten ein Kulturproblem mit dem Fehlermachen. Wenn wir weiterhin vor Fehlern so viel Angst haben – meist geht es ja um Fehler, nicht ums Scheitern –, dann wird das zur Innovationsbarriere. Wir müssen das Hinfallen und Wiederaufstehen noch ordentlich üben!

K. W. Ja, ich glaube, ein Veränderungsprozess beginnt damit, dass wir uns etwas kraft unserer Imagination wirklich vorstellen und dann üben. So können Menschen oder Organisationen durch Verwandlung wachsen. Der Kern des Theaters handelt von der Kraft, die Phantasie und Imagination entfalten können: Eine Schauspielerin spielte vor einiger Zeit in unserem Theater die Rolle einer jungen Frau, die davon erzählt, dass sie gerade auf ihren Auftritt in einer Castingshow für junge Gesangstalente wartet. Sie beschreibt ihren Gang beim Auftritt und wie ihr deshalb Männer hinterherschauen werden. Jana Zöll, die Schauspielerin, ist aufgrund der Glasknochenkrankheit zur Fortbewegung auf den Rollstuhl angewiesen. Die Zuschauer und Zuschauerinnen sahen also, dass Jana Zöll diese Rolle in der Realität nicht hätte verkörpern können. Zugleich stellte sich Jana Zöll ihren Auftritt in der Castingshow so intensiv mit jeder Faser ihres Wesens vor, dass er auch in der Vorstellungskraft der Zusehenden vollkom- men real wurde. Wir können also im Theater die ungeheuerliche Kraft unserer Phantasie spüren.

Steuern per Knopfdruck?

Die Wirklichkeit ist komplexer und Scheitern wahrscheinlich.

M.-L. W. Ich nehme an, Sie wollen darauf hinaus, dass möglicherweise auch im Unternehmen mehr Phantasie gefragt ist. Aber anders als im Theater sollten wir uns dort doch nichts vorspielen oder irgendwelche Illusionen erzeugen.

K. W. Das nicht. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass gerade Veränderungsprozesse umso besser zu erreichen sind, je konkreter und kraftvoller die Vorstellungen sind, die sich die Führungskräfte selbst von diesen Prozessen machen. Und ich glaube, man braucht Räume, in denen sich die Beschäftigten eigene Vorstellungen von diesen Zielen erarbeiten dürfen. Die Erfahrung bei Oper, Theater und Tanz jedenfalls zeigt, dass die Vorstellungskraft von zentraler Bedeutung ist, damit etwas langsam Realität werden kann.

M.-L. W. Auch Unternehmen benötigen Vorstellungskraft für neue Märkte, neue Formen der Zusammenarbeit, neue Rollen. Es kommt allerdings ganz entscheidend auch der Markt als „Lehrmeister“ dazu.

In den nächsten Jahren wird sich unseres Erachtens außerdem das Thema Klimaschutz noch einmal deutlich verschärfen – wir hoffen als klimaorientiertes Unternehmen ja auch darauf –, das wird uns neben unseren jetzigen Aufgaben auch sehr viel Neues dazu bringen. Alleine das Thema Mobilität, aber auch das Thema „grünes“ Heizen haben es in sich.

K. W. Auf der Bühne zeigt sich immer wieder, dass sich Inhalte und Erzählungen am wirkungsvollsten vermitteln, wenn das Publikum spürt: Es ist denen ernst damit. Das funktioniert sogar in dem Fall, dass einem Zuschauer das Stück nicht gefallen hat. Selbst dann respektiert er die Leistung des Ensembles. Wenn er aber den Eindruck hat, es gehe den Theatermachern nur um eine vordergründige Provokation oder um eine nur aufgesetzte Idee oder nur darum aufzufallen, dann wird er die gesamte Aufführung nicht ernst nehmen. Wichtig ist deshalb, dass immer eine Triftigkeit und Dringlichkeit spürbar wird.

M.-L. W. Wenn ich mir unter diesem Gesichtspunkt die Reaktion unseres „Publikums“ anschaue, dann sind wir bei ENTEGA ganz zufrieden. Die Kunden honorieren die Art, wie wir uns mit den dringlichen Themen Klimawandel und Digitalisierung auseinandersetzen. Die Zustimmung zu unserem Öko-Strom aus erneuerbaren Energien und klimafreundlichem Erdgas hat sich in den zurückliegenden Jahren so entwickelt, dass wir heute schon mehr als eine viertel Million Haushalte mit Ökostrom versorgen und dem Klima pro Jahr 590.000 Tonnen CO2 ersparen.

K. W. Klingt nach einem großen Applaus. Und dafür arbeiten wir doch am Ende.

NORA SCHMELTER

Hier wächst auf den ersten Blick nichts. Auch nicht auf den zweiten. Die Zitronen sind schon reif – und geerntet. Aber was genau passiert mit diesen Zitronen? Wo befinden sie sich? Wie ein Spiegel- kabinett stellen die Fotos von Nora Schmelter ihr Motiv in verwirrende Zusammenhänge. Der Betrachter vermag nicht mehr genau zu sagen: Was ist oben? Was ist unten? Was ist real, was nur ein Spiegelbild? Wo endet der Vordergrund? Wo beginnt hinter halb-transparenter Scheibe ein neuer Raum? Die Fotografin fordert unsere Sehgewohnheiten und unsere Phantasie heraus. So entstehen neue Perspektiven, innere Leerräume, in die wir durch eigene Vorstellungen hineinwachsen können.