DR. MARIE-LUISE WOLFF
GANZ NAH
DRAN
Ob auf dem Platz oder auf den Rängen: Fußball bringt die Menschen zusammen. Für die ENTEGA Vorstandsvorsitzende Dr. Marie-Luise Wolff ist in der Pandemie deshalb das Stadion des SV Darmstadt 98 ein Sehnsuchtsort.

Frau Wolff, sind Sie ein Fußballfan?

Ja und nein. Ich finde die Sportart faszinierend und freue mich über jedes Spiel. Aber ein Fan im Sinne der festen Bindung an einen bestimmten Verein bin ich nicht. Mein Verhalten in Sachen Fußball-Clubs entspricht in etwa dem, was man in der Politik als Wechselwählerin bezeichnet. Ich ändere meine Präferenzen von Zeit zu Zeit – meist in Abhängigkeit von meinem jeweiligen Lebensmittelpunkt.

Geht das denn überhaupt: Kann man im Fußball die Sportart vom Sportverein trennen?

Für mich jedenfalls ist das gar kein Problem. Ich gebe aber gerne zu, dass ich andererseits von der Vereinstreue der meisten anderen Fans profitiere. Wenn es die nicht gäbe, wäre im Stadion nämlich immer Coronastimmung: keine Fangesänge, keine Presslufthupen, kein Fahnenschwenken. Und dann würde ich da auch nicht hingehen.

Sie gehen also durchaus nicht ausschließlich wegen des Geschehens auf dem Rasen ins Stadion?

Richtig. Was ich dort so sehr mag, das ist mehr das Gesamtkunstwerk: die sportliche Leistung auf dem Platz plus das Erleben der großen Emotionen auf den Tribünen.

Und das ist es auch, was Sie in Pandemie-Zeiten am meisten vermissen?

Auf jeden Fall. Ich vermisse die typische Nähe auf den Zuschauerrängen im Fußballstadion. Und damit meine ich nicht nur die physische Nähe. Die ist auch wichtig und gerade hier in Darmstadt, in unserem relativ überschaubaren Stadion, gehört sie zu den großen Vorzügen. Worauf es aber vor allem ankommt, das ist die emotionale Nähe. Das heißt: Wildfremde Menschen sind für 90 Minuten durch ein gemeinsames Erlebnis verbunden. Sie freuen sich gemeinsam, erleben die Spannung gemeinsam, sind zusammen wütend oder erleichtert.

Warum ist das so wichtig?

Dieses Stadionerlebnis hat etwas sehr Existenzielles. Ein Fußballspiel ist ja nicht nur ein Spiel. Ähnlich wie zum Beispiel in der Oper erleben wir bei einem Fußballspiel sozusagen eine hochgradig dramatisierte Essenz unserer Lebensreise: Die Hoffnung auf einen Sieg, die Anstrengung auf dem Weg zum Ziel, die Herausforderung durch den Gegner, der Wettbewerb ... Und dann natürlich das Unberechenbare. Die Rolle von Glück und Schicksal. Völlig zu Recht sagt man: „Im Fußball ist alles möglich.“ Haushohe Siege oder Niederlagen in letzter Sekunde. Das Blatt kann sich jederzeit wenden. Und diese Konstellation ist ja nicht nur spannend oder unterhaltsam. Sie ist – auf das ganze Leben gesehen – auch potenziell bedrohlich. Da ist es dann wohltuend, wenn man derartigen Kräften nicht allein ausgesetzt ist, sondern zusammen fiebert und auch die Niederlagen gemeinsam trägt.

,,Fußball ist die dramatisierte Kurzfassung unserer Lebensreise.“

Sie haben die Besonderheiten des Stadions von Darmstadt 98 schon erwähnt und auch, dass Sie mit anderen Stadien ebenfalls vertraut sind. Was gefällt Ihnen denn hier besonders gut?

Also, was ich da eben an Zusammengehörigkeitsgefühl beschrieben habe – das ist schon auch an äußere Bedingungen geknüpft. Man denke nur an die Allianz Arena von Bayern München. Da weiß man ja nicht mehr so sicher, ob man irgendwo in einem schicken Einkaufszentrum unterwegs ist oder in einem Sportstadion. Auf den Rängen sind die Abstände zwischen den Plätzen eher mal üppig gemessen und ansonsten hat man fast den Eindruck, es gäbe mehr Logen und VIP- und Business-Areas als normale Plätze. Ich jedenfalls gebe da der Intimität und der Bodenständigkeit des Stadions hier in Darmstadt klar den Vorzug.

Und daran ändern auch die derzeitigen Umbaumaßnahmen nichts?

Das will ich jedenfalls nicht hoffen. Im Wesentlichen wird ja für eine Überdachung gesorgt. Und hier oder da für eine Modernisierung. Wenn man weiß, dass es bisher beispielsweise nur kalte Duschen für die Mannschaften gab, dann wird es insofern ja wirklich höchste Zeit, etwas zu tun. Man kann es auch übertreiben mit der Bodenständigkeit (lacht).

Was war Ihr bisher intensivstes Erlebnis als Freundin von Darmstadt 98?

Das war nicht im Stadion selbst, sondern auf den Straßen der Stadt. 2015, als der Verein in die erste Liga aufgestiegen ist. Da waren ja die Unterführungen voll mit Menschen, die feierten und sich in den Armen lagen. Stundenlang war da kein Durchkommen mehr. Wenn man sich heute, in der Pandemie, an solche Szenen erinnert, wird einem ganz anders zumute.

Was geht uns in diesen Zeiten digitaler Begegnung verloren?

Ich bin davon überzeugt, dass wir als Menschen zum Beispiel solche Auszeiten brauchen, um die Verbindung zu anderen Menschen wirklich auch spüren zu können. Dass wir – bei allen Unterschieden – zusammengehören: Das kann man als Appell an den Verstand richten. Damit das aber eine stabile Grundüberzeugung bleibt, auf die eine Gesellschaft sich im Ganzen verlassen kann, muss es solche sehr konkreten Erlebnisse geben. Wenn wir uns nur noch auf Bildschirmen begegnen, greift das die Fundamente unseres Zusammenlebens an – übrigens nicht nur in Pandemie-Zeiten.

Aber Sie haben in den zurückliegenden Monaten doch sicher auch die Vorzüge der Onlinekonferenzen schätzen gelernt ...

Ganz bestimmt, ja. Die will ja auch niemand im Ernst bestreiten. Ich bin zum Beispiel sehr froh, dass ich nicht mehr so viel reisen muss, zumal das ja auch gut für die Umwelt ist. Und auch sonst glaube ich, dass wir der Pandemie für die eine oder andere Arbeitserleichterung noch lange dankbar sein werden. Aber wir dürfen eben auch die Gefahr nicht übersehen: zum Beispiel, dass wir unser Miteinander immer mehr auf Fragen von Nützlichkeit und Praktikabilität reduzieren. Kommunikation ist aber mehr als Informationsaustausch. Und Menschen sind ganz entscheidend auch leibliche Wesen. Wenn wir in unseren Begegnungen den Körper immer mehr außen vor lassen, wird das unser Miteinander verändern. Resonanz und Mitgefühl etwa sind Dinge, die sich in einer „leiblosen“ Kommunikation viel schlechter aufbauen lassen.

Fußball? Weil es ein körperbetonter Sport ist?

Das spielt eine Rolle, ja. Selbst beim Zuschauen rückt der Körper wieder stärker in den Vordergrund. Es tut einem ja fast selbst weh, wenn auf dem Platz gefoult wird. Insofern wird hier schon auch eine gewisse Sensibilität aktiviert. Was mich aber vor allem fasziniert, das ist das Wechselspiel von individueller Leistung und Teamleistung. Bei Fußball gewinnt und verliert immer die ganze Mannschaft. Andererseits hängt alles davon ab, dass jeder Einzelne auf seiner Position sein Bestes gibt – und dabei zugleich über die Aufgaben dieser Position hinausdenkt und agiert. Es müssen immer alle ans Ganze denken, damit das Spiel funktioniert. Das hat natürlich mit den Erfolgsgesetzen eines Unternehmens große Ähnlichkeit.

,,Es müssen immer
alle ans Ganze denken,
damit das Spiel funktioniert.“

Wann hat das bei Ihnen angefangen mit der Begeisterung für den Fußball?

Schon recht früh. Ich stamme ja vom Niederrhein. Zwischen meinem Geburtsort und dem Bökelberg liegen nur rund 20 Kilometer. Da blieb eine solche innere Verbindung kaum aus. Sie hat allerdings noch einmal einen deutlichen Schub bekommen, als ich 16 Jahre alt war. Um etwas nebenbei zu verdienen, kellnerte ich damals in einem beliebten Ausflugslokal der Gegend. Es gab da Pfannkuchen und ähnlich rustikale Hausmannskost. Trotzdem oder gerade deshalb waren auch die Borussen-Spieler nach den Begegnungen im Stadion häufig in „meinem“ Restaurant zu Gast. Und das waren ja damals die großen Stars: Jupp Heynckes, vor allem die vielen sehr attraktiven Spieler aus Skandinavien wie Henning Jensen oder Allan Simonsen. Das hat mich natürlich inspiriert und ich bin dann immer öfter ins Stadion gegangen.

Aber, Moment mal! Bei einer derart innigen Verbindung zu Mönchengladbach muss man sich aber doch fragen, wie Sie danach mit Ihrem beruflichen Umzug nach Köln umgegangen sind?

(lacht) Ja, da gab es eigentlich nur wenig Bewegungsspielraum. Bis heute verbindet die Anhängerschaft der beiden Clubs ja eine herzliche Feindschaft. Aber wie gesagt: Ich habe mich da einfach drüber weggesetzt. Und inzwischen habe ich natürlich auch in Darmstadt einen Wohnsitz. Deshalb bin ich heute genauso gerne bei den Spielen der Lilien in Darmstadt oder im Stadion bei Mainz 05, beides Clubs, die ENTEGA sponsert.

Können Sie denn die Hymnen im jeweiligen Dialekt mitsingen?

Ich würde sagen: ja. Aber wenn Sie die echten Darmstädter*innen, Mainzer* innen oder Kölner*innen fragen, dann werden die mir natürlich jede Menge Aussprachefehler nachweisen. Das tut aber der Sache gar keinen Abbruch. Wenn alle gemeinsam singen, ist auch ein Fehler hier und da egal.

,,In puncto Nähe
hat Darmstadt 98
einen klaren
Heimvorteil.“

Wer spielt stimmungsmäßig sonst noch in der ersten Liga?

Ganz sicher Dortmund. Dort ist es ja auch gelungen, trotz der beachtlichen Dimensionen des Stadions viel von der typischen und innigen Atmosphäre zu erhalten. Und noch eins muss man den Dortmundern neidlos lassen: Die Currywurst schmeckt dort besser als anderswo!

Und auch die kann man kaum digital genießen ...

Gar nicht. Gott sei Dank!

Frau Wolff, vielen Dank für das Gespräch.