ALBRECHT FÖRSTER
MENSCHEN MACHEN
EINEN ORT BESONDERS
Die Centralstation in Darmstadt – für ENTEGAFinanzvorstand Albrecht Förster ein Ort der Nähe. Mit vielen Erinnerungen an seine Leidenschaft für eine besondere Art der Musik.

Das Foto zeigt Sie in der Darmstädter Centralstation, heute eine Location für Livemusik. Was verbindet Sie mit diesem Ort?

Hier in der Centralstation wäre ich eigentlich letztes Jahr wieder mal auf einem Konzert gewesen – und das erste Mal gemeinsam mit der ganzen Familie. Wir hatten Tickets für Thees Uhlmann, den Ex-Sänger der Hamburger Band Tomte. Es wäre ein besonderes Ereignis mit echtem Seltenheitscharakter geworden, denn zu meinem großen Bedauern entwickelt einer meiner Söhne einen ganz anderen Musikgeschmack als ich. Er geht so in Richtung deutscher Hip-Hop. Und das ist eine Musik, mit der ich nur ganz wenig anfangen kann.

Welche Musikrichtung bevorzugen Sie?

Ich bin musikalisch in den 1980er-Jahren sozialisiert worden, habe dann aber mit Mitte 30 Heavy Metal für mich entdeckt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als mir bei einem Konzert das erste Mal der Metal-Virus ins Blut ging. Es ist einfach so passiert, ich konnte mich nicht dagegen wehren. Als die Musik loslegte, bekam ich Gänsehaut, und so ist es bis heute geblieben.

Warum Heavy Metal? Das ist laut, schrill und oft quer. Man könnte es als eine Form von Musik bezeichnen, die das genaue Gegenteil einer Unternehmensbilanz zum Ausdruck bringt.

Vielleicht genau deshalb. Ich mag die harten, schnellen Töne, die starke Dynamik und die Varietät. Der typische Radiosong ist drei Minuten lang, aber im Heavy Metal gibt es Stücke von einer Minute dreißig bis zwölf Minuten.

Was löst diese Musik in Ihnen aus?

Es ist sehr exzessive und expressive Musik, die mir aber dabei hilft, im Gleichgewicht zu bleiben. Sie ist der krasse Gegenpol in einem ansonsten sehr strukturierten und eng getakteten Alltagsleben, was man nun mal hat, wenn beide Elternteile berufstätig sind und sich um drei gemeinsame Kinder kümmern. Andere Menschen in ähnlicher Situation laufen Marathons oder klettern auf Viertausender – und ich finde meinen Ausgleich eben in dieser expressiven Musik. Aber mir ist schon bewusst, dass viele Menschen diese Musik einfach nur als Krach empfinden. Leider ja auch mein Sohn, mit dem sich die gemeinsame musikalische Schnittmenge daher im Moment auf Bruce Springsteen und Die Ärzte begrenzt. Thees Uhlmann wäre auch noch ein gerade so gangbarer musikalischer Kompromiss zwischen uns gewesen. Das Konzert in der Centralstation hat dann aber wie alle kulturellen Veranstaltungen wegen Corona nicht stattgefunden.

Wie haben Sie die Coronazeit und das Leben im Lockdown bisher erlebt?

Zum großen Glück gibt es niemanden aus meiner Familie und dem engeren Freundes- und Bekanntenkreis, der an Covid-19 erkrankt ist. Aber die Einschränkungen, die die Pandemie mit sich gebracht hat, sind mit der Zeit doch tief in unser privates und beruf-liches Leben gedrungen. Sie haben uns Orte, Erlebnisse und Rituale genommen, die wichtig für uns sind, vor allem auch für unser seelisches Wohlbefinden.

,,Musik hilft mir dabei, im Gleichgewicht zu bleiben.“

Was brauchen Sie für dieses Wohlbefinden? Was fehlt Ihnen am meisten?

Am meisten vermisse ich das jährliche Treffen mit meinen Kommilitonen. Wir kennen uns seit einer gefühlten Ewigkeit und treffen uns seit mehr als 20 Jahren zu einem verlängerten Wochenende im Jahr. Im Laufe der Zeit hat sich viel verändert, einige sind ins Ausland gegangen, einige haben eine Familie gegründet oder eine Firma aufgebaut. Doch egal, was und wo im Leben der einzelnen Personen geschieht: Jedes Jahr treffen wir uns gemeinsam mit unseren Lebenspartnern, aber ohne die Kinder, am selben Ort in Südhessen. Das ist ganz sicher ein besonderer Ort der Nähe für mich.

Treffen Sie sich dort in einem Hotel oder mieten immer dasselbe Haus?

Wir bevölkern dort alle zusammen ein Ferienhaus. Aber das Besondere an diesem Ort liegt nicht in dem Haus selbst oder an der schönen Landschaft im Odenwald. Es liegt natürlich an den Menschen, die diesen Ort zu etwas Besonderem machen. So kann manchmal auch ein Abteil im Zug der Deutschen Bundesbahn zu einem besonderen Ort der Nähe für mich werden.

Wie meinen Sie das? Ein Zugabteil ist doch eher anonym und beliebig?

Aber nicht dann, wenn ich mit meinem guten Freund darin sitze und wir durch halb Deutschland reisen, um auf ein Konzert zu gehen. Wir haben unter uns sogar eine Challenge laufen, wer die weiteste Anfahrt zu einem Konzert unser beider Lieblingsband Ghost in Kauf genommen hat.

Wer führt die Challenge derzeit?

Aktuell habe ich einen kleinen Vorsprung, denn ich habe Ghost schon in Barcelona live gesehen, aber auch in Luxemburg und im Norden Deutschlands bei einem kleinen Hallenkonzert. Aber die meisten Kilometer habe ich natürlich mit den Jahren auf dem Weg nach Schleswig-Holstein abgespult, zum jährlichen Treffen der weltweiten Heavy-Metal-Gemeinde.

Sie sind also ein „Wackinger“, einer der 75.000 Besucher des weltweit größten Heavy-Metal- Festivals in Wacken. Seit wann fahren Sie dorthin?

Noch nicht so lange wie viele andere Metalheads, sondern erst, seitdem unsere Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Aber seither fahre ich jedes Jahr hin – wie die meisten anderen Festivalbesucher in Wacken bin auch ich ein überzeugter Wiederholungstäter.

Was ist das Besondere an Wacken?

Das Besondere an diesem Festival ist die Gemeinschaft und die Solidarität. Egal ob alt oder jung, im Rollstuhl oder halbnackt, bleich wie die Wand oder von Kopf bis Fuß tätowiert, kahl geschoren oder mit Dreadlocks bis zum Knie: Niemand fühlt sich ausgegrenzt, alle sind gleichermaßen willkommen. Das klingt vielleicht etwas esoterisch, ist aber wirklich so. Auf Wacken heben Fans vor der Bühne auch den Rollstuhlfahrer hoch über die Köpfe aller anderen. Oder bekommen die Bewohner der umliegenden Seniorenheime ihre Gratistickets und sitzen beim Festival auf ihren mitgebrachten Klappstühlen bei Kaffee und Kuchen und plaudern mit den vorbeiziehenden Metalheads. Und wenn ich in Wacken mitten im Pulk mit 30.000 anderen vor einer Bühne stehe und durch die Menge zum Getränkestand an der Seite möchte, fährt niemand die Ellenbogen aus und versperrt den Weg, wie das auf anderen Konzerten manchmal passiert. Im Gegenteil: Die Besucher dort machen Platz und lassen mich vorbei – hin und zurück.

Also sind es auch dort wieder die Menschen, die diesen an sich tristen Acker mitten im Nirgendwo zu einem ganz besonderen Ort machen?

Ja, das würde ich sagen. Wacken oder die Metalszene allgemein bilden eine riesige, sehr friedliche Gemeinschaft, deren verbindendes Element die Liebe zu einer bestimmten Musikrichtung ist, die einen an anderen Orten, also an „normalen“ Orten, eher zum Außenseiter werden lässt. Ich jedenfalls darf nie die Musik aussuchen, wenn wir besagtes langes Wochenende mit den ehemaligen Kommilitonen verbringen. (lacht)

,,Die Metal-Szene –
eine große friedliche Gemeinschaft.“

Denken Sie, das Wacken-Festival wird die Pandemie wirtschaftlich überstehen?

Die Tickets aus 2020 behalten ihre Gültigkeit für dieses und wenn das auch abgesagt werden muss, bestimmt auch für kommendes Jahr. Ich hoffe nur sehr, dass die Veranstalter die Coronapandemie wirtschaftlich überstehen. Es sind ja eigentlich immer noch die einfachen Jungs vom Land, die damals vor 31 Jahren einfach mal ein Heavy-Metal-Konzert in Wacken veranstaltet haben. Die Gründer standen mit dem Open Air schon einige Male vor der Pleite, doch sie haben es immer wieder geschafft und haben immer weiter expandiert – als sie endlich eine solide Strategie hatten. Im Grunde geht es den Wacken-Gründern damit nicht anders als jedem anderen Unternehmen auch.

Sie meinen, eine solide Strategie ist das Wichtigste für ein Unternehmen?

Nicht allein und nicht unbedingt. Aber in Krisenzeiten auf jeden Fall. Dann zählen plötzlich andere Dinge und sind andere Faktoren wie Stabilität und Vertrauen relevant für den Erfolg. Dann bildet die Strategie eine Basis, und die Werte, die sie definiert, stabilisieren die Schwankungen der Verunsicherung und eröffnen den nötigen Handlungsspielraum – daher konnte ENTEGA zu Beginn der Pandemie so schnell und entschlossen handeln und die richtigen Maßnahmen treffen, um den Konzern souverän durch die Krise zu steuern.

,,In Krisenzeiten zählen plötzlich andere Dinge.“

Sie persönlich waren auch mehrheitlich im Homeoffice tätig. Ist das auch ein Ort der Nähe für Sie geworden?

Es ist seltsam für mich, wenn das Büro und alles, was damit zusammenhängt, so in den privaten Lebensbereich drängt. Das war anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. Vermutlich geht jeder anders damit um, aber ich habe versucht, mir den Tag im Homeoffice ebenso zu strukturieren, als würde ich ins Büro fahren. Nur dass das Büro jetzt physisch im Haus angesiedelt war. Auf diese Weise ging das für mich und unsere Familie sehr gut. Und das Zuhause, also der Ort der Nähe mit der Familie, blieb so weit wie möglich unberührt.

Herr Förster, herzlichen Dank für das Gespräch!