ANDREAS NIEDERMAIER
STILLE
HEIMAT
Wo sonst das Leben gefeiert wird, fehlt die Normalität am schmerzlichsten. Ersatz bietet die Nähe zur Natur. Und zur eigenen Erinnerung.

Herr Niedermaier, wie kommt man als Personalvorstand durch die Pandemie? Kann man sich aus dem Homeoffice heraus um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern?

Man kann. Aber schön ist das nicht. Auch hier ist es die Nähe, die fehlt. Der persönliche Austausch, das Gespräch, bei dem man sich gegenseitig in die Augen schaut.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Genau so wie die meisten anderen: Onlinemeetings ersetzen die Live-Treffen, so gut es eben geht. Das Problem ist, dass wir uns auf diese Weise daran gewöhnen, rein praktisches Funktionieren schon für ausreichend zu halten. Ich bin gespannt, wie es nach der Pandemie wird. Ob wir dann weiterhin die Onlinetreffen bevorzugen oder zu den persönlichen Begegnungen zurückkehren.

Nähe ist Heimat: Die Orte der eigenen Kindheit geben Geborgenheit – auch wenn die Pandemie alles verändert.

Und? Was glauben Sie?

Ich hoffe, dass wir eine kluge und ausgewogene Mischung finden. Sicher bin ich mir nur, dass die neuen digitalen Begegnungen ihren Platz behaupten werden.

Wie haben Sie die Lockdowns im privaten Bereich erlebt?

Das ist mir fast noch schwerer gefallen als der Verzicht im professionellen Umgang. Ich bin ein eher kontaktfreudiger und geselliger Mensch. Normalerweise treffen meine Familie und ich regelmäßig Freunde und Verwandte. Die Einschränkungen auf diesem Gebiet waren und sind hart.

Was fehlt Ihnen am meisten?

Zu meinen festen Ritualen gehören Fahrradtouren durch die Region. Nichts besonders Sportliches – eher gemütliche Strecken mit dem E-Bike, oder auch der Besuch kultureller Aktivitäten, die allerdings aktuell ausgefallen sind.

Haben Sie eine feste Route für die Tour?

Ich wechsle das ab und zu. Aber meistens starte ich bei mir zu Hause in Wiebelsbach. Von dort fahre ich dann zum Beispiel nach Groß-Umstadt auf den schönen Marktplatz mit all seinen Fachwerkhäusern. Und für einen heimatverbundenen Menschen war das im vergangenen Jahr fast die schlimmste aller Erfahrungen: am Bietjungfern-Brunnen zu stehen und nur mal hier und da jemanden über den Platz huschen zu sehen. Man muss sich ja klar machen, was hier sonst los ist. An ganz normalen Tagen, im Sommer und besonders aber natürlich beim Winzerfest.

Ist das für Sie in ,,normalen“ Jahren ein wichtiger Termin?

(lacht) Na, und ob! Ich kenne auch kaum jemanden hier in der Gegend, für den oder die das anders wäre. Das Winzerfest auf dem Marktplatz von Groß-Umstadt ist das Highlight des Jahres. Dort treffen sich einfach alle, ob jung oder alt, arm oder reich. Ich kenne viele Leute, die planen ihren Jahresurlaub rund um dieses Datum am dritten Wochenende im September.

Worum geht es beim Winzerfest?

Anlass ist natürlich der Abschluss der Weinernte in den umliegenden Bergen. Und auf den ersten Blick, wenn man nur die Schankstände und sonstigen gastronomischen Angebote anschaut, dann könnte man denken, dass es einfach um Essen und Trinken geht. Aber das stimmt nicht. Was das Winzerfest so einzigartig macht, das sind die vielen, vielen Gespräche, die man hier führt. Ungeplante Begegnungen mit Menschen, die man vielleicht ein ganzes Jahr nicht gesehen hat oder das gemeinsame Feiern mit guten Freunden.

Besuchen Sie das Fest in erster Linie als Vorstand der ENTEGA AG oder als Privatperson?

Ganz klar als Privatperson. Natürlich spricht mich hier und da schon mal jemand auf die Arbeit an. Aber das ist wirklich die Ausnahme. Ich gehe meist zusammen mit meiner Frau zum Winzerfest.

Mitten in der Tradition: Wo die Nähe zu den Vorfahren lebendig ist, kann man nie ganz alleine sein.

Ist denn so ein Winzerfest nicht auch eine etwas provinzielle oder arg heimatseelige Angelegenheit?

Das denken viele. Aber das stimmt wirklich überhaupt nicht. Schon gar nicht in Groß-Umstadt. Hier gibt es zum Beispiel eine starke portugiesische Gemeinde. Jeder achte Einwohner hat portugiesische Wurzeln. Und das merkt man auch beim Winzerfest, wo die Portugiesen mit eigenen Ständen vertreten sind. Genauso übrigens wie andere Länder, denn Menschen mit ausländischen Wurzeln machen in Groß-Umstadt fast ein Fünftel der Bevölkerung aus. Insofern ist so ein Fest „heimatseelig“, ja – aber in einem viel weltoffeneren Sinne, als man angesichts der vielen „typisch deutschen“ Fachwerkhäuser vielleicht denken könnte. Zur Heimat gehören eben alle dazu.

Zumal der Marktplatz ja sozusagen von Anfang an durch „Emigranten“ geprägt war ...

Stimmt! Wenn man an die römischen Anfänge denkt: Wo wir heute beim Winzerfest essen, trinken und reden, da haben vor 2000 Jahren die Römer schon dasselbe gemacht. Die evangelische Kirche steht ja dort, wo zuvor eine römische Villa Rustica war. Das weiß man durch die Ausgrabungen dort. Und wenn man sich daran erinnert, dann hat das auch was Tröstliches. Denn auf die Geschichte als Ganzes gesehen wird schließlich auch die Pandemie der Jahre 2020 und 2021 eher eine Fußnote sein.

Wo fahren Sie mit Ihrem E-Bike sonst noch hin?

Wenn ich einen guten Tag habe, dann fahre ich gerne noch 30 Kilometer Richtung Süden bis Michelstadt oder Erbach. Das sind für mich auch ganz typische Orte der Nähe. Zum einen, weil es dort für die Region wichtige Feste gibt wie den Erbacher Wiesenmarkt oder die Theateraufführungen während des Sommers in Michelstadt und Erbach. Aber auch, weil mir zum Beispiel das Weizenbier im Michelstädter Brauhaus besonders gut schmeckt. Dort war 2020 natürlich meistens geschlossen.

Das war sozusagen die Südtour per Rad. Fahren Sie auch in den Norden?

Ja, gerne zum Beispiel nach Seligenstadt. Die Einhard-Basilika und die umgebenden Gärten waren und sind für mich in dieser Zeit auch eine Art Sehnsuchtsort, den ich mit Nähe verbinde. Allerdings ist es dort eine ganz andere Art von Nähe als an den „Festplätzen“ im Süden. Ich verbringe zum Beispiel gerne Zeit im Klostergarten, schaue mir die Kräuter an oder werfe einen Blick auf die Zitruspflanzen in der Orangerie. Das entspannt mich und bringt mich eher mir selbst ein wenig näher. Aber wenn ich die Stille dann lange genug genossen habe, zieht es mich auch in Seligenstadt wieder Richtung Gastronomie: am Mainufer gibt es die für meinen Geschmack beste Eisdiele der Region. Und wer weiß: Vielleicht kann ich dort im kommenden Sommer ja wieder ganz unbeschwert mein Lieblingseis löffeln und den Menschen beim Flanieren zusehen.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie sich wieder auf den Weg zurück nach Hause, nach Groß-Umstadt, machen?

Auf den Abstecher zur Veste! Da geht es zwar ganz schön bergauf, aber ich habe ja elektrische Unterstützung. Und oben angekommen mache ich mir noch die Mühe und steige auf die Aussichtsplattform der „weißen Rübe“. Das ist ein Turm innerhalb der Festungsanlage und das älteste Gebäude dort oben. Von der Plattform aus hat man eine sagenhafte Aussicht über den ganzen Landkreis bis hinunter nach Frankfurt. Das ist zwar eher Weite als Nähe, aber worauf es ankommt, ist meine persönliche Nähe zu diesem Ort. Schon mit meinen Schulfreunden bin ich früher oft dorthin gekommen. Meine erste Zigarette zum Beispiel habe ich da oben geraucht. Und noch ein paar andere Dinge erlebt. Aber das würde jetzt zu weit führen. Beziehungsweise: zu nah kommen!

Herzlichen Dank für das Gespräch!