FAHRSPASS WIE IM AUTOSCOOTER

Jorge Nuñez lässt seinen Diesel stehen. Für eine Woche fährt er ein Elektroauto. Das begeistert nicht nur den Experten für Energienetze auf Anhieb, sondern lässt sogar Pferde besser schlafen.

Nach der Arbeit wird das Auto zu Hause
sofort an die nächste Steckdose gehängt.

„Das macht einfach nur Freude, gerade weil es so simpel ist."

Jorge Nuñez

Eine Woche im BMW i3

Einsteigen, starten – und losfahren. Wenn doch alles im Leben so einfach wäre. Eine lange Einweisung jedenfalls hat Jorge Nuñez bei der Übernahme nicht gebraucht für den kleinen Flitzer. Ein paar Worte zur digitalen Anzeige im Cockpit des Autos, ein paar Worte zum Aufladen an der Ladestation – das war’s. Und schon beginnt die Reise in die Zukunft der Mobilität. Für Jorge Nuñez dauert diese Reise rund eine Woche – eine Woche, in der er den BMW i3 ausgiebig testen kann, für die tägliche Fahrt zur Arbeit, für Dienstfahrten und in der Freizeit. Jorge Nuñez ist Regionalstellenleiter der e-netz Südhessen für die Region Dieburg. Er ist täglich im Auto unterwegs, zurzeit mit einem VW Golf mit 110 PS und Dieselmotor. Seine Begeisterung für das moderne Elektroauto aber ist schnell offensichtlich. „Ich bin schon ein wenig verliebt“, sprudelt es aus ihm heraus, „das macht einfach nur Freude, gerade weil es so simpel ist!“

Andererseits kann man nie wissen, wie das so ist mit einer neuen Liebe. Und so hat sich der 52-Jährige noch schnell im Büro eine Liste mit den jeweiligen Standorten der Ladestationen in der Umgebung ausgedruckt. „Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir die ENTEGA-App runterzuladen und mich damit näher zu beschäftigen“, gibt er zu. Aber auf die konventionelle Art und Weise geht es schließlich auch. Die Frage ist allerdings, ob Nuñez überhaupt eine Auflistung der Ladestationen benötigt. Schließlich war er bei der Einweihung der meisten Stationen in seinem Zuständigkeitsbereich dabei, hat mit vielen Bürgermeistern vor Ort gesprochen und versucht, sie von der Installation einer Ladesäule zu überzeugen – die meisten Standorte kennt er daher ganz genau.

Eine gewisse Unsicherheit fährt zunächst allerdings mit. Denn entscheidend ist: bloß nicht liegenbleiben! Und bloß nicht den Akku überschätzen! Weil die Reichweite des Elektroautos im Vergleich zu einem konventionellen Fahrzeug mit Verbrennungsmotor noch geringer ist und die Ladezeiten deutlich länger, kommt es darauf an, nicht zu lange mit dem Aufladen zu warten und jede Gelegenheit zu nutzen, um die Akkus wieder zu füllen. „Das ist schon eine Umstellung“, sagt Nuñez. „Man muss vorausschauender fahren und rechtzeitig überlegen, wo man Strom für das Auto bekommt.“

So hat Nuñez neben der Straße auch das Display des Fahrzeugs im Blick. Das gilt insbesondere für die Angabe über die verbleibende Fahrstrecke mit Elektroantrieb. 61 Kilometer steht da im Moment. Das aber reicht allemal, um von der ENTEGA-Zentrale in Darmstadt bis zur Regionalstelle in Groß-Umstadt zu fahren. Dort allerdings packt der gelernte Maschinenschlosser und Ingenieur sofort das blaue Kabel aus dem Kofferraum und verbindet das Fahrzeug mit der nächsten Steckdose in der Werkstatt. „Man kann nie wissen“, so Nuñez. Dabei verfügt der BMW sogar über einen sogenannten „Range Extender“, einen herkömmlichen Verbrennungsmotor mit 38 PS. Bei voller Füllung des Neun-Liter-Tanks mit Benzin garantiert dieser Zweizylinder-Motor eine zusätzliche Reichweite von – so die Erfahrung von Jorge Nuñez – „rund 110 bis 120 Kilometern“. Wird der Motor genutzt, treibt er einen Generator an, der Strom produziert und die Akkumulatoren wieder auflädt. Trotzdem will der E-Auto-Neuling auf diese Notreserve lieber nicht zurückgreifen.

2017 hat ENTEGA über 100 neue Ladestationen in der Region in Betrieb genommen.

Fliegende Taxis

Sieht so vielleicht die Zukunft der Mobilität aus? In Dubai jedenfalls ist eine fliegende Taxidrohne zu Testzwecken bereits erfolgreich in die Luft gegangen! Sie soll Passagiere künftig per Joystick oder sogar vollkommen autonom befördern und wird dabei von Elektromotoren angetrieben. Ein deutsches Unternehmen aus Bruchsal erhielt 2017 den Zuschlag, die ersten Testdrohnen für ein Lufttaxi-Pilotprojekt in Dubai bereitzustellen. Langfristig will das Emirat so einen Teil seines Personenverkehrs bewäl-tigen.

„Für die meisten Strecken im Alltag reicht eine Akkuladung völlig aus."

Jorge Nuñez

Allein mit Elektromotor kommt der BMW theoretisch auf eine Reichweite von rund 200 Kilometern, das aber nur auf der niedrigsten Stufe des „Eco- Pro+“-Energiesparmodus. Dann allerdings ist die Höchstgeschwindigkeit auf 90 Kilometer begrenzt und die Klimaanlage deaktiviert. „Im Alltag waren es im Batteriebetrieb je nach Außentemperatur zwar maximal nur rund 160 Kilometer, die bei voller Ladung zur Verfügung standen“, sagt Nuñez. „Für die meisten Strecken im Alltag aber ist das doch immer völlig ausreichend.“

Nötig wäre der Verbrennungsmotor darum eigentlich nicht, zumindest nicht in weiten Teilen der Region Südhessen. Schließlich hat ENTEGA allein im vergangenen Jahr mehr als 100 neue Ladestationen mit über 200 Ladepunkten in Betrieb genommen. Damit erhöhte sich die Zahl der öffentlich zugänglichen Ladepunkte in Hessen um rund 40 Prozent.

Im Rahmen des Projekts „Elektromobilität für Südhessen“ beteiligte sich das Land Hessen zu 40 Prozent an den Kosten für die neuen Ladesäulen und stellte knapp 500.000 Euro an Fördermitteln bereit. Insgesamt beteiligten sich 48 Kommunen und kommunale Einrichtungen. Ein weiterer Bestandteil des Projekts: So wie Jorge Nuñez konnten im letzten Jahr zahlreiche Mitarbeiter von Kommunalverwaltungen sowie Bürgerinnen und Bürger in den teilnehmenden Kommunen eine Woche lang ein Elektroauto von ENTEGA testen und so die Vorteile der Elektromobilität hautnah erfahren.

Auch wenn hier etwas nachgeholfen wird – das Auto zieht viele Blicke auf sich.

An den modernen Ladesäulen von ENTEGA kann nun bis zu zehnmal schneller getankt werden als an einer herkömmlichen Steckdose. Und damit nicht genug: Für Unternehmen und für private Haushalte bietet ENTEGA seit einigen Jahren verschiedene Ladestationen an. Von der leistungsstarken Ladesäule bis zur handlichen Wandladestation.

Außerdem fördert das Unternehmen finanziell die Anschaffung der Ladestationen.

Eine passende und freie Säule findet sich in der Region mittlerweile immer. Europaweit sind es – über ein Netzwerk von Kooperationspartnern – sogar über 7.500 Ladepunkte, die genutzt werden können. Dazu reicht eine App oder eine Ladekarte, die für Kunden von ENTEGA nur 40 Euro im Monat kostet – alles inklusive! Und wenn dieser Strom dann noch aus erneuerbaren Energiequellen kommt, wie im Fall der ENTEGA-Ladesäulen, dann kann die Elektromobilität ihren größten Vorzug ausspielen: keine schädlichen Klimagase zu produzieren. Die CO2-Emissionen belaufen sich dann schlichtweg auf Null!

Aber nicht nur die Umweltvorteile, auch die Fahrleistungen des BMW überzeugen Jorge Nuñez. Wenden in drei Zügen? „Das geht ganz locker in nur einem Zug – Wahnsinn“, sagt Nuñez, als er auf einer schmalen Straße wenden muss. „Ein Gefühl wie im Autoscooter.“ Ein weiterer Pluspunkt beim Fahren: Wenn der Fahrer vom Gas geht, verzögert der BMW automatisch. Damit wird das Bremspedal beinahe überflüssig. Auch Sabine Speiser, die Ehefrau von Jorge Nuñez, hat sich bei einer Probefahrt zum Einkaufen schnell an diesen Effekt gewöhnt: „Anfangs ist das etwas gewöhnungsbedürftig, aber nach nur wenigen Kilometern weiß man das sehr zu schätzen, das entspannt extrem.“ Und die „eingebaute“ Verzögerung über den Elektromotor ist nicht nur komfortabel, sie verlängert zudem die Reichweite. Der Elektromotor kann – ähnlich wie ein Dynamo – einen Teil der Bremsenergie zur Stromproduktion nutzen und dann in die Batterien einspeisen.

Berührungslos von A nach B

Eines der modernsten und effizientesten U-Bahn-Systeme der Welt befindet sich in Hongkong. In den Stoßzeiten fahren die Bahnen alle zwei Minuten. Täglich befördern sie rund 4,5 Millionen Menschen. Mit der sogenannten „Octopus-Card“ lassen sich die U-Bahnen einfach nutzen, wobei die Karte berührungslos und ohne Registrierung funktioniert. Mittlerweile hat sie sich sogar zu einem gängigen elektronischen Zahlungsmittel entwickelt, mit dem man selbst im Supermarkt bezahlen kann.

Leise und enorm durchzugsstark: Da ist der Fahrspaß garantiert.

"Man gleitet dahin – fast wie auf Schienen."

Jorge Nuñez

Auch im Innenraum überzeugt der BMW die Familie. Der Fußraum wird nicht durch eine störende Mittelkonsole unterbrochen, alles wirkt modern und luftig und auf das Wesentliche reduziert. Zwei große digitale Bildschirme zeigen den Insassen, wo es langgeht – einer für die Geschwindigkeit und den Ladezustand, einer für Kommunikation und Navigation. Und selbst im Fond finden zwei Erwachsene ausreichend Platz. Einzig die gegenläufig zu öffnenden „Portaltüren“ machen den Einstieg nach hinten ein wenig umständlich. Der BMW ist damit ein nahezu perfektes Auto für die Stadt und die meisten Alltagssituationen – geräumig, vor allem aber mit kraftvollem Durchzug. Speziell der Antritt an der Ampel zaubert Jorge Nuñez immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. 170 PS und 250 Newtonmeter Drehmoment sorgen für beachtliche Beschleunigungswerte. Fahrspaß – garantiert!

Einer der größten Unterschiede zu konventionellen Fahrzeugen ist die fehlende Geräuschkulisse des kleinen BMW. „Ich musste meinen Golf gestern einmal kurz umparken. In diesem Moment kam mir der Diesel im Vergleich vor wie ein Traktor“, so Nuñez. Die Elektromobilität hingegen ist leise, sehr leise. Wer ein Elektroauto fährt, gleitet tatsächlich nahezu lautlos dahin. Nur auf der Landstraße und auf der Autobahn nimmt der Geräuschpegel im Auto etwas zu – das allerdings liegt allein an den Reifen und am Fahrtwind, der am Auto vor- beistreicht. „Wenn ich auf einem Parkplatz rückwärts fahre, passe ich daher ganz besonders auf“, sagt Nuñez, „schließlich nehmen mich Fußgänger und Fahrradfahrer erst viel später wahr.“ Sonst aber wirkt das lautlose Fahren beinahe wie ein Programm zur Entschleunigung. „Man gleitet dahin – fast wie auf Schienen. Vor allem morgens genieße ich die Ruhe im Fahrzeug“, sagt Nuñez. „Würden mehr Menschen ein solches Auto fahren, es wäre in den Städten deutlich leiser.“

Der Kofferraum bietet ausreichend Platz für den Einkauf zwischendurch.

Und die fehlende Lautstärke hat noch einen verblüffenden Nebeneffekt. Am Wochenende ist der gebürtige Frankfurter mit spanischem Pass am Abend noch mal in den Pferdestall in seinem Heimatort Reichelsheim gefahren, wo das Pferd der Familie untergebracht ist. „Anders als beim Diesel haben die Pferde im Stall mein Kommen aber überhaupt nicht bemerkt“, sagt der leidenschaftliche Reiter. „Alle haben einfach weitergeschlafen!“ Wer hätte gedacht, dass die Zukunft der Mobilität selbst für Pferde vorteilhaft sein kann? „Einen Pferdeanhänger könnte ich mit dem BMW allerdings nicht ziehen“, fügt er hinzu. „Für meine Familie käme ein solches Auto daher höchstens als Zweitwagen infrage.“

Aber nicht nur die fehlende Anhängerkupplung und Leistung zum Ziehen eines Anhängers, sondern vor allem die hohen Anschaffungskosten von – je nach Ausstattung – bislang noch rund 40.000 Euro für den BMW i3 sprechen für die Familie eher gegen die Anschaffung eines solchen Fahrzeugs. Aber wer weiß, schließlich ist BMW ja längst nicht der einzige Anbieter am Markt. Jorge Nuñez: „Entscheidend ist, offen für die neue Technologie zu sein. Öl ist endlich und der Klimawandel ein großes Problem, also müssen wir den Schritt zur Elektromobilität irgendwann gehen. Meine Erfahrungen im Alltag jedenfalls waren extrem positiv – die Technologie und das Aufladen funktionieren nicht nur reibungslos, das alles macht einfach gute Laune!“

Durchschnittliche Fahrstrecke eines Pkw in Deutschland

UND...
ACTION!

Wie gelingt Veränderung? Wie schafft man etwas Neues? Und wie findet man den eigenen Weg? Fragen über Fragen – und beileibe keine leichten Antworten. Auf der Suche nach Lösungen kann der Blick in andere Branchen und Disziplinen helfen – zum Beispiel der Blick in die Kunst.

Ab 1947 gerät in einer Scheune in Long Island die Kunstwelt in Bewegung: Ein Maler legt seine Leinwände plötzlich auf den Boden und den Pinsel zur Seite. Der Amerikaner Jackson Pollock begründet das „Action Painting“ und damit gleich eine neue Kunstrichtung, den abstrakten Expressionismus. Seine Werke kennzeichnet eine bis dahin beispiellose Vitalität und Leidenschaft – sie sind kraftvoll, voller Originalität und Spontanität. Man sieht ihnen regelrecht an, wie sie entstanden sind. Und auch Pollock selbst ist stets in Bewegung: Er probiert vieles aus, orientiert sich an der Kunst von Indianern und anderen Künstlern, lernt neue Techniken, hat keine Scheu, das eigene Tun immer wieder in Frage zu stellen. Und wer weiß, vielleicht kann er mit all dem sogar für Unternehmen in der heutigen Zeit ein Vorbild sein, ganz nach dem Motto: die Reaktion auf neue Herausforderungen ist ein Anfang, der Mut zur eigenen Aktion aber ist noch besser!

JACKSON POLLOCK

Jackson Pollock tropfte, spritzte oder schüttete Farbe direkt aus der Dose auf die am Boden liegende Leinwand – und wurde einer der größten Maler des 20. Jahrhunderts. Der Amerikaner stellte konventionelle Techniken und Denkweisen der Malerei infrage. Die amerikanische Kunst emanzipierte sich vom beherrschenden Einfluss Europas.

Lange Zeit galt es als das ­teuerste Gemälde aller Zeiten:

Jackson Pollocks „No. 5, 1948“. Für 140 Milli­o­­nen US-Dollar wechselte das Bild 2006 den Besitzer; der Käufer allerdings ist bis heute unbekannt. Der Klassiker des „Action Paintings“ misst etwa 2,5 mal 1,2 Meter und befindet sich nach wie vor in Privatbesitz.


Jackson Pollock schuf nicht nur großformatige Gemälde. Zu seinem umfangreichen Werk gehören auch rund siebenhundert Arbeiten auf Papier – Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Tuschebilder und Collagen. Aus der späteren, sehr intensiven Schaffensperiode Ende der 1940er-Jahre stammen zudem einige kleinformatige Bilder, die er mit der für ihn typischen bekannten Dripping-Technik und Emaille-Farben angefertigt hat.

PERSPEKTIV-
WECHSEL
„Auf dem Boden fühle ich mich wohler. Ich ­fühle mich dem Bild näher, mehr als ein Teil von ihm, denn so kann ich mich um das Bild herum bewegen, von allen vier Seiten her ­arbeiten und buchstäblich im Bild sein.“

JACKSON POLLOCK


Mit nur 44 Jahren stirbt Jackson Pollock 1956 bei einem Autounfall in East Hampton (New York). Der Künstler hatte lange mit einer schweren Alkoholsucht zu kämpfen – und war betrunken Auto gefahren. In den Jahren zuvor hatte ­seine Krankheit bereits dazu geführt, dass er kaum mehr malen konnte.



In einem Lagerhaus bei New York findet der Filmautor Alex Matter 32 bisher unbe­kannte Kunstwerke, die er Jackson Pollock zuschreibt. Die ­Gemälde und Emaille-Bilder gehörten zum Nachlass seines Vaters, des Schweizer Fotografen und Grafikdesigners Herbert Matter, der mit Jackson Pollock und seiner Frau befreundet gewesen war. Als der Fund 2005 präsentiert wird, gilt das als Sensation in der Kunst­geschichte.

Ob die Bilder echt sind? Die Fachwelt ist sich bis heute nicht einig.